Bad Dürkheimer Wurstmarkt: „Kurzer Moment der Sorglosigkeit“

Volksfeste haben eine lange Tradition. Der Wurstmarkt im pfälzischen Bad Dürkheim etwa hat eine fast 600-jährige Entwicklung vom kleinen Kirchfest zum größten Weinfest der Welt hinter sich. Was die Massen auf solche Feste lockt, ist jedoch erstaunlich ähnlich geblieben.

Von Simon Ribnitzky, dpa

Auf die Frage, wann seine Familie das erste Mal auf dem Wurstmarkt dabei war, muss René Bauer weit zurückdenken. «Mein Urgroßvater war schon seit Generationen in der Pfalz als Schausteller tätig», erinnert sich der 53-Jährige, der seit 24 Jahren eine Wurstbude auf dem selbst ernannten größten Weinfest der Welt im pfälzischen Bad Dürkheim betreibt. «Ich wurde sogar auf dem Wurstmarkt getauft!» Das war 1964, die Eltern hatten ein Laufgeschäft und im Festzelt fand noch ein Gottesdienst statt. Seither gehört der Wurstmarkt für den Wormser einfach dazu. «Es ist diese besondere Atmosphäre, die der Wurstmarkt ausstrahlt», erzählt Bauer.

270 Millionen Menschen zieht es in Deutschland jedes Jahr auf Volksfeste und Jahrmärkte – von Großevents wie dem Münchner Oktoberfest bis zu Dorfkirmes und Schützenfesten. «Volksfeste haben nichts von ihrer Attraktivität verloren», sagt der Freiburger Soziologe Sacha Szabo. Seit jeher hätten solche Feste vor allem zwei Funktionen: Der Einzelne erfreut sich an einer Auszeit vom Alltag, genießt einen kurzen Moment der Sorglosigkeit und die Gemeinschaft versichert sich ihrer Identität – heute genauso wie vor 100 oder noch mehr Jahren.

Ihren Ursprung haben die heutigen Volksfeste oft in kirchlichen, spirituellen Festen. «Das Rauscherlebnis hat sich vom Gottesdienst auf den Kirchvorplatz verlagert», erzählt Szabo. Der Wurstmarkt etwa entstand Anfang des 15. Jahrhunderts, als Bauern und Winzer rund um die Kapelle auf dem Michelsberg die Pilger bewirteten. Die kamen jedes Jahr Ende September in Scharen, zum Namenstag des heiligen Michael.

Zwischenzeitlich zum Kirchweihfest umfunktioniert, wuchs der Wurstmarkt im Lauf der Jahrhunderte und wandelte sich zum weltlichen Jahrmarkt-Rummel. Andere Volksfeste wie das Münchner Oktoberfest oder der Cannstatter Wasen in Stuttgart entstanden deutlich später. Monarchen des 19. Jahrhunderts nutzten damit die Gelegenheit, das Volk an sich zu binden.

Dabei machten Volksfeste durchaus die gesellschaftliche Modernisierung mit, sagt Szabo. Vereine fallen weg, die Kirche verliert an Mitgliedern, Familien brechen auseinander und die dörfliche Gemeinschaft zerfällt. «Mit ihnen sterben auch viele kleine Volksfeste aus, die die Funktion hatten, diese dörfliche Gemeinschaft herzustellen.»

Der Deutsche Schaustellerbund spricht von rund 1200 kleineren und mittleren Festen, die innerhalb der vergangenen zwölf Jahre von der Bildfläche verschwunden sind. Präsident Alfred Ritter macht dafür aber eher eine fehlende Unterstützung der Politik verantwortlich – sonst könne es viele Feste noch geben. Gerade kleinere Schützenfeste seien häufig einmal im Jahr ein großes Treffen, zu dem viele in ihr Heimatdorf zurückkehrten. «Das ist nicht nur Karussell-Drehen wie im Freizeitpark, sondern man feiert zusammen», sagt Ritter.

Forscher Szabo hat noch eine andere Funktion entdeckt, die über die Jahrhunderte erhalten geblieben ist: der Heiratsmarkt. Wer nicht weiß, wann der Moment für die erste Berührung gekommen ist, habe hier eine wunderbare Lösung: Karussellfahren und die Fliehkräfte drücken einen aneinander. «Wenn es nicht gefunkt hat, kann ich immer noch sagen: tut mir leid, das war das Karussell», sagt Szabo. Diese Facette sei bei ganz vielen Fahrgeschäften erhalten geblieben.

Hauptstütze bleibe aber die Tradition, sagt Ritter. Ganz nach dem Motto: «Ich war schon mit Opa dort.» Wurstbudenbesitzer René Bauer klagt zwar über steigende Kosten und dass die Arbeit als Schausteller anstrengender sei als früher. «Aber die Atmosphäre hat sich nicht verändert – jeder kann einfach mal einen Tag die Seele baumeln lassen.»