BLOG: Produktionsnotizen zu „Wenn man nur wüsste“

Im Dezember 2012 sendete das Rhein-Neckar Fernsehen eine außergewöhnliche Reportage: „Wenn man nur wüsste…“ zeigt die letzten Monate im Leben von Bärbel Freund. Im Alter von 61 Jahren entschloss sie sich, schwer krebskrank, ihre Wohnung aufzugeben und ins Hospiz zu gehen. Der Film zeigt die Stationen ihres letzten Weges, von den letzten Tagen in der eigenen Wohnung bis zu ihrem Tod, pietätvoll und einfühlsam. „Wie geht das, sterben?“ ist eine der großen Fragen, die Bärbel Freund stellt – und die sie sich selbst beantwortet. Die Dokumentation folgt ihren Gedanken und Gefühlen auf eine sehr persönliche Weise.

Die komplette 40-minütige Reportage ist außerdem dauerhaft im Video-Portal des Rhein-Neckar Fernsehens unter diesem Link abrufbar.

image

 

Am 27. November 2012 gab es eine Preview in den Studios des Rhein-Neckar Fernsehens. Dieser Beitrag zeigt Eindrücke und Reaktionen auf den Film. (hier zum mobile download):

Filmautorin Frauke Hess hat darüber hinaus ihre eigenen Gedanken über die Produktion des Films für diesen Blogpost aufgeschrieben:

Produktionsnotizen zu „Wenn man nur wüsste…“
Frauke Hess über Bärbel Freund

Bärbel Freund hat es uns leicht gemacht. Sie hat es mir leicht gemacht. Sie war so unkompliziert, offen, klug und humorvoll. Wir hatten so viele schöne Gespräche. Sie ist ihren letzten Weg so aufrecht gegangen, voller Würde und Stolz. Sie war auch so mutig, so klar. Zum Schluss, als sie kaum noch sprechen konnte, hat sie uns sogar noch getröstet, auf ihre etwas herbe, aber vielleicht auch typisch Mannheimer Art: „Jetzt stellt Euch nicht so an. Ich sterbe doch nur. Das habt Ihr doch von Anfang an gewusst.“

Klar. Das haben wir gewusst. „Wir drehen diesen Film von Alpha bis Omega“, hat Rolf Kieninger, der Leiter des Hospiz Elias, immer wieder gesagt.

Alpha war am Anfang. Alpha war Mitte März. Der Frühling kam, die Sonne schien, Vögel zwitscherten. Ich lernte Bärbel Freund kennen. Sie sah klasse aus. Sie trug eine perfekte Perücke, sie war geschminkt, modisch gekleidet, ihre Augen blitzten. Ich schätzte sie auf höchstens Mitte 50. Sie war 61 und todkrank. Wir redeten und redeten. Wir gingen draußen spazieren. Mein wortgewandter Kameramann Frank Albiez und sie waren sofort ein Herz und eine Seele. Die beiden schnatterten und schnatterten… Ich musste lachen.

„Na ja“, dachte ich mir, „so schlimm ist das ja alles nicht.“ Und irgendwie, ganz tief in meinem Inneren, war so ein unbestimmtes Gefühl im Bauch: „Das wird schon alles wieder. Das geht gut aus, vielleicht haben sich die Ärzte ja geirrt oder so.“ Ich WUSSTE natürlich, dass sie sterben würde – aber ich konnte es nicht glauben. Heute vermute ich, dass es vielen Menschen so geht, die auf dem letzten Weg sind. Sowohl den Menschen, die sterben müssen, als auch denen, die sie begleiten.

Und dann waren da noch die Hunde! Ihr Hund – Thana! Bärbel Freund hatte keine Familienangehörigen mehr, nur noch den Hund. Und es gab Chalis, den Hospizhund. Die Hunde haben es uns auch leicht gemacht, und manchmal haben sie uns auch gerettet. Etwa Monate später beim Schnitt, als Cutter Jens Breith unter Tränen schmunzeln musste: „Jetzt trabt da schon wieder so ein Hund durchs Bild“. Heute weiß ich: Hunde tun gut. Vor allem, wenn es eng wird um die Seele.

Mit dem Hund fing ja alles erst an. Mit Thana kam Bärbel Freund zu Dr. Josef Meurer, Tierarzt in Straßenheim. Sie wusste nicht wohin, wohin mit sich, wohin mit dem Hund, allein und krank. Er sagte ihr, sie solle ins Hospiz Elias gehen, dahin könne sie ihren Hund mitnehmen.

Wir haben sie mit der Kamera begleitet. Beim Tierarzt, in ihrer Wohnung, bei ihrem Einzug ins Hospiz, mit Thana. Wir waren dabei, als es ihr dann doch schlechter ging. Keine Perücke mehr, kein Make-up. Jetzt ungeschminkt. Und dann kam natürlich auch die Angst.

Dann fing sie an zu reden: „Wissen Sie, Frau Hess, das ist doch jetzt komisch…“. So fing sie immer an, und dann wusste ich: Jetzt geht es an die Substanz. Jetzt geht es um die Angst und um die großen Fragen: Was kommt? Was passiert? Wie wird es sein? „Wir führen auch viele hilflose Gespräche im Hospiz“, sagte sie mir einmal. Das hat mich seltsam berührt. Ich fühlte mich ja auch so hilflos.

„Wenn man nur wüsste…?“ Diese Frage wurde immer lauter. „Wir wissen ja nicht was kommt und wie es sein wird“, sagte sie. Auch im Hospiz Elias hängt ein Schild, auf dem steht: „Wenn man nur wüsste, wenn man nur wüsste…“. Irgendwann wussten wir, dass wir den Film so nennen würden. Später.

Omega ist das Ende. Omega ist der Tod. Bärbel Freund starb genau vier Monate nachdem ich sie kennengelernt hatte. Am 18. Juli 2012.

„Sie ist gut gegangen“, sagten die Menschen im Hospiz. „Sie ist sanft und friedlich eingeschlafen.“ Wir kamen einen Tag später, wie immer mit Kamera und Stativ. Wir standen an ihrem Bett. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich bewusst einen toten Menschen gesehen habe. Ich brach völlig zusammen. Ich dachte immer, und vor allem bei diesem Film, dass ich mich hinter meiner Professionalität verstecken könnte. Ich bin Profi, ich mache diesen Film, ich habe die nötige Distanz. Ich brach völlig zusammen. Ich kroch hinter die starken Schultern meines Kameramanns Julius Herrmann, der in diesem Moment so großartig war. Er machte das für uns, er wusste, was zu tun war. Er war ganz stark. Ich konnte nichts mehr, nur noch weinen. Mir liefen einfach die Tränen über das Gesicht. Ich war an eine Grenze gekommen, die ich bisher nicht kannte.

Ich brauchte Tage, um mich wieder zu fangen. Ich brauchte Monate, um mich an den Schnitt zu wagen. Denn ich wusste: Dann kommt alles wieder. Nochmal auf Anfang, von Alpha bis Omega. Während dieser Wartezeit sprach mich Jens Breith an. Er ist freier Cutter bei RNF, und er hatte zufällig das Filmmaterial gesehen. Er sagte mir, dass er diesen Film gerne mit mir schneiden würde. Das gab mir ein gutes Gefühl.

Wir gingen drei Tage in Klausur. Drei Tage auf dem Schnittplatz. Wir mussten auch immer wieder lachen, wenn die „blöden Hunde“ wieder durchs Bild tobten. Wenn Bärbel Freund Party machte. Wenn sie von den „Toten Hosen“ erzählte, ihrer Lieblingsband. Und wir mussten auch immer wieder mit den Tränen kämpfen. Rolf kam ab und zu auf dem Schnittplatz vorbei – er brachte uns den besten Kuchen der Welt. Auch er musste weinen, und er sagte, das sei gut so.

Drei Tage. Das war für mich der Abschied. Jetzt konnte ich loslassen. Der Film wurde fertig.

Der Film ist 40 Minuten lang. Ich kann nicht sagen, ob er gut ist oder nicht. Das müssen andere beurteilen. Aber es ist der Film, der mich an meine Grenzen gebracht hat. Der persönlichste, den ich bisher gemacht habe. Und für mich ganz allein der wertvollste. Heute weiß ich: Es war ganz wichtig, diesen Film zu machen. Und ich danke von ganzem Herzen allen, die diesen Film möglich gemacht haben. Den Kameraleuten Frank Albiez und Julius Herrmann, dem Cutter Jens Breith, Rolf Kieninger, den wundervollen Menschen im Hospiz und auch und vor allem meinem Chef Bert Siegelmann.

Und ich danke Bärbel Freund, die sich von uns mit der Kamera begleiten ließ, auf ihrem letzten Weg. Da gehört ganz schön viel Mut dazu. Sie hatte diesen Mut und sie hat mir viel gezeigt. Heute weiß ich: Sie war eine ganz schön coole Socke, die Bärbel Freund. Und wenn sie das jetzt liest, hockt sie auf einer Wolke und lacht aus vollem Herzen.