Frankenthal: Prozess um Mord ohne Leiche

Als im vergangenen Sommer in der Nähe des Rheins bei Speyer der Teil eines menschlichen Fußes entdeckt wird, kommen die Ermittler einem Verbrechen auf die Spur. Ein DNA-Abgleich ergibt, dass das Körperteil zu einem seit Monaten vermissten Mann aus Speyer gehört. Es war offenbar nach dem Tod des Betroffenen abgetrennt worden. Bald wird ein Bekannter des verschwundenen 74-Jährigen festgenommen. Seit Donnerstag steht der 65-Jährige aus dem badischen Philippsburg wegen Mordes aus Habgier vor dem Landgericht in Frankenthal.
Die Vorwürfe hat der klein gewachsene Mann mit dem grauen Haar bislang bestritten. Die Staatsanwaltschaft ist dennoch von seiner Schuld überzeugt – auch wenn noch Details fehlen. „Man weiß nicht, wo und wie das Opfer zu Tode kam“, sagt Oberstaatsanwältin Doris Brehmeier-Metz. Auch die Leiche wurde bislang nicht gefunden. Die Ermittler stützen sich auf Indizien – unter anderem auf eine SMS, in der der Name des Angeklagten auftaucht.
Der 65-Jährige und das mutmaßliche Opfer hatten einst beide in einer Filterfabrik in Speyer gearbeitet, berichtet die Tochter des 74-Jährigen, die wie ihr Bruder im Prozess als Nebenkläger auftritt. Später gingen beide laut Anklage mitunter am Rhein in Speyer spazieren. In der Zeit ab dem 2. März 2016 soll der 65-Jährige dann den Älteren getötet haben, bei dem er „nicht unerhebliche Ersparnisse“ vermutet habe, sagt die Oberstaatsanwältin.  Vom Handy des Toten habe er dann – als vermeintlicher Vater – eine SMS an die Tochter geschickt mit dem Auftrag, ihm die Schlüssel des Vaters zu übergeben. Das weist laut der Anklägerin auf den 65-Jährigen hin. Weil er die Schlüssel nicht bekam, soll der Mann eingebrochen sein und den Tresor gestohlen haben. Er selbst will sich nach Angaben seiner Anwältin später im Verfahren äußern. Zu Beweisen will die Oberstaatsanwältin zunächst nichts sagen – die Schöffen dürften nicht unzulässig beeinflusst werden, sagt sie. Die Anwälte der Nebenkläger sprechen von erdrückenden Indizien und Beweisen. Der Angeklagte, der laut Staatsanwaltschaft verschiedene Versionen abgeliefert hat, habe unter anderem gesagt, er sei von Unbekannten gezwungen worden, eine SMS zu schreiben. Die Anwälte halten das für unglaubwürdig – ebenso wie die Tatsache, dass der 74-Jährige überhaupt eine SMS geschrieben haben soll. „Die Kinder sind davon ausgegangen, dass der Vater gar nicht in der Lage ist, eine SMS zu schreiben“, sagt Anwalt Rolf Weis, der den Sohn des mutmaßlichen Opfers vertritt.
Zudem sei in der SMS angegeben worden, der Vater sei nach Italien gereist – ohne Absprache. Auch das erscheint der Nebenklage unglaubwürdig. Der 74-Jährige habe engen Kontakt zu seinen Kindern gehabt, sagt Weis. „Alles, was er getan hat, hat er mit den Kindern abgesprochen.“ Außerdem habe die Untersuchung von Funkzellen ergeben, dass sich das Handy des mutmaßlichen Opfers immer in unmittelbarer Nähe von Speyer und Philippsburg – in der Nähe des Angeklagten – befunden habe – und nicht in Italien. Auch sei in der Werkstatt des 65-Jährigen ein Brillenteil entdeckt worden, an dem Blut des Opfers gefunden worden sei. Anwalt Andreas Flory, der die Tochter vertritt, sagt, in dem gestohlenen Tresor hätten sich etwa 15 000 Euro und eine Waffe befunden.
Die Tochter betrachtet den Verdächtigen mit schiefgelegtem Kopf, als er am Donnerstag mit Handschellen gefesselt in den Saal geführt wird und mit erhobener Hand Jemandem im Publikum grüßt. Sie und ihr Bruder machen nach Darstellung der Anwälte schwere Zeiten durch. „Es ist die Ungewissheit, die über Monate andauert, was mit dem Vater geschehen ist, was er erdulden, erleiden musste“, sagt Anwalt Flory. Weis erinnert auch an die Zeit, in der der Mann als vermisst galt. „Es ist keine Trauerarbeit möglich“, sagt er. „Man kann nicht an ein Grab gehen.“ Schließlich hätten sie aus den Akten vom Ende ihres Vaters erfahren müssen. (dpa/lrs)