Heidelberg: Alles Bio in der City

Normalerweise kleben Bio-Siegel auf Lebensmitteln. In Heidelberg lässt sich Bio aber an jeder Straßenecke finden – und zwar in den Blumenbeeten. Die Pflanzen liefert die Stadtgärtnerei, die jetzt als erste kommunale Gärtnerei in Deutschland ein Bio-Zertifikat besitzt.

In den Gewächshäusern stehen – ordentlich aufgereiht – hunderte kleine Pflanzen in schwarzen Töpfen. Dazwischen herrscht das emsige Treiben der Bienen, es riecht nach feuchter Blumenerde. Die roten, gelben und blauen Blüten heben sich deutlich vom Grau der Gewächshäuser ab. Sie wirken wie riesige Farbkleckse – mit Bio-Zertifikat. Denn die Heidelberger Stadtgärtnerei ist die erste Gärtnerei in kommunaler Hand, die komplett ökologisch produziert. Das bedeutet, dass zum Beispiel keine chemischen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Dafür wurde sie im Juni mit dem Bio-Zertifikat der Europäischen Union ausgezeichnet.

Die acht Gewächshäuser befinden sich im Süden Heidelbergs, direkt neben einem ehemaligen Militärflugplatz der US-Armee. Die früher private Gärtnerei wurde in den sechziger Jahren gebaut, seit 1992 werden hier die Pflanzen für die Blumenbeete der Stadt produziert. Die Umstellung auf den Bio-Standard hat unter anderem Gärtner Marko Rautmann betreut. „Als ich von der Entscheidung zur Umstellung gehört habe, war ich erst einmal sehr skeptisch“, erzählt Rautmann. Die Zweifel hätten sich aber bald darauf wieder gelegt. Der 49-Jährige und seine Kollegen experimentierten in den folgenden Jahren mit den Methoden des ökologischen Anbaus. Zunächst sei nur mit wenigen Pflanzen begonnen worden, biologisch zu arbeiten, so Rautmann. Nach
und nach wurde der laufende Betrieb aber komplett umgestellt.

Das größte Problem bei der Umstellung sei die veraltete Technik der Gärtnerei gewesen: „Das Wasser in den Gewächshäusern ist früher einfach versickert, weil die Böden nicht befestigt waren. Dadurch war die Luftfeuchtigkeit immer extrem hoch“, erklärt Rautmann. Dies seien ideale Bedingungen für Pilze, die in Bio-Betrieben nicht bekämpft werden könnten. Um den Betrieb umstellen zu können, musste die Stadt Heidelberg deshalb in den letzten beiden Jahren viel Geld ausgeben. Insgesamt waren etwa 200 000 Euro notwendig, um die Infrastruktur der Gewächshäuser zu modernisieren. Mittlerweile läuft die Produktion ohne Probleme, jährlich verlassen etwa 115 000 Pflanzen die Gewächshäuser. Damit das so bleibt, ist Gärtner Marko Rautmann damit beschäftigt, die Pflanzen gesund zu halten. „Bei unseren Kontrollen achten wir darauf, ob an den Blättern bestimmte Symptome auftreten, zum Beispiel von einem Pilz“, erklärt er. Chemische Pflanzenschutzmittel, synthetische Dünger und Gentechnik sind nämlich tabu.

Damit die Pflanzen trotzdem gut gedeihen, setzen die Gärtner auf biologische Dünger, zum Beispiel Hornspäne. Schädlinge wie Raupen und Blattläuse werden mit sogenannten Nützlingen, zum Beispiel Schlupfwespen, bekämpft. Viele bio-zertifizierte Gärtnereien wie die Stadtgärtnerei in Heidelberg gibt es in Deutschland noch nicht. Nach Angaben des Verbandes Bioland gibt es ungefähr 100 Betriebe, die ihre Zierpflanzen nach diesen Standards produzieren. In Österreich und der Schweiz sehe die Entwicklung ähnlich aus. „Im Vergleich zu allen ökologisch produzierenden Betrieben ist die Anzahl an Bio-Gärtnereien aber verschwindend gering“, sagt Andrea Frankberg. Die Diplom-Agraringenieurin koordiniert ein Projekt des Verbandes, das offene Fragen des Anbaus und Marketings von biologisch hergestellten Zierpflanzen beantworten soll.

Die Entwicklung in Heidelberg stuft Frankenberg als sehr positiv ein: „Wir begrüßen es sehr, dass auch bei den Kommunen ein Umdenken stattfindet und die Gärtner wieder mehr Gärtner sein wollen.“ In Heidelberg werden die öffentlichen Blumenbeete zurzeit mit den bunten Farbtupfern bepflanzt. Bald schmücken sie die Stadt am Neckar – zum ersten Mal komplett biologisch. (dpa)