Jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz blüht auf: Einwanderer und neue Synagoge

Mainz, Speyer und Worms wollen als Wiegen jüdischer Gelehrsamkeit den Welterbe-Titel holen. In Koblenz soll eine neue Synagoge entstehen. Sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust macht sich das jüdische Leben in Rheinland-Pfalz wieder bemerkbar.

Mainz (dpa/lrs) – Die Krise in der Ukraine treibt manche ihrer Juden ins Ausland – auch an Rhein und Mosel. «Ich glaube nicht, dass Tausende hierherkommen wie nach dem Mauerfall aus der früheren Sowjetunion», sagt der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz, Avadislav Avadiev. «Aber es sind schon einige, die sich jetzt in der Ukraine bedroht fühlen und hier Verwandte haben.»

Nach dem Völkermord an etwa sechs Millionen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus hat es im 1946 gegründeten Land Rheinland-Pfalz kaum noch jüdisches Leben gegeben. Mit der Einwanderungswelle von Juden nach dem Zerfall des Ostblocks hat sich das geändert. «In unseren Gemeinden sind mittlerweile rund 3600 Juden gemeldet», sagt Avadiev. «Die Gesamtzahl in Rheinland-Pfalz dürfte aber bei bis zu 20 000 liegen.»

Die vielen Einwanderer belebten die jüdischen Gemeinden, betont der 51 Jahre alte Geschäftsmann aus dem Raum Koblenz. «Über 90 Prozent von ihnen stammen aus der früheren Sowjetunion.» Viele sind mit wenig Geld und wenig Deutschkenntnissen gekommen. Keine einfache Situation. «Die jüdischen Gemeinden helfen ihnen mit Sprachkursen und Sozialarbeitern, Jobs zu bekommen.»

Bundespräsident Joachim Gauck hat kürzlich gesagt, zum Glück pulsiere das jüdische Leben in Deutschland wieder – doch bei der Integration von Einwanderern aus dem Osten gebe es auch Probleme. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hat Anfang 2014 vor einem neuen Antisemitismus gewarnt, etwa wenn auf Schulhöfen das Wort «Jude» als Schimpfwort benutzt werde. Das Thema Judentum, es bleibt sensibel in Deutschland.

Rheinland-Pfalz unterstützt die Juden: Gemäß einem Staatsvertrag bekommen ihre Gemeinden Geld – in diesem Jahr gut 561 000 Euro. Kulturministerin Doris Ahnen (SPD) freut sich: «Jüdisches Leben und jüdische Tradition gehören wieder ganz selbstverständlich zum kulturellen und zum religiösen Leben im Land.» Vor allem mit Blick auf den Holocaust sei das eine wunderbare Entwicklung.

Das aufblühende Leben zeigt sich auch in den Plänen zum Bau einer neuen Synagoge in Koblenz. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstörten die Nazis überall im Reich Gotteshäuser von Juden. Heute lässt sich die Zahl der religiös genutzten Synagogen in Rheinland-Pfalz an weniger als zwei Händen abzählen.

In Koblenz will die große jüdische Gemeinde endlich ihr kleines Provisorium in einer ehemaligen Trauerhalle verlassen. Die Stadt hat für eine neue Synagoge ein Grundstück reserviert. «Wir wollen keinen Prachtbau, aber wieder einen würdigen Platz im Stadtzentrum. Wir verstecken uns nicht», betont der gebürtige Usbeke Avadiev, der mit Frau und zwei Kindern 1995 nach Deutschland kam. Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig (SPD), Enkel eines Juden, sagt: «Eine neue Synagoge sehen wir als Bereicherung für Koblenz an.» Die Stadt wolle die jüdische Gemeinde beim Bau unterstützen.

Kulturministerin Ahnen verweist auch auf die kulturelle Blüte der «SchUM»-Städte Mainz, Speyer und Worms im Mittelalter: Von dort aus haben damals jüdische Gelehrte das Leben ihrer Glaubensgemeinschaft in ganz Europa beeinflusst. Für diese Städte will sich Deutschland um einen Eintrag in die Unesco-Welterbeliste bewerben. Die Kultusministerkonferenz sieht dafür laut Ahnen sehr gute Chancen. Am kommenden Montag (21. Juli) soll im Beisein von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Avadiev in der Mainzer Staatskanzlei ein Verein gegründet werden, um diese Bestrebungen weiter voranzutreiben.

Das Wort «SchUM» leitet sich aus den Anfangsbuchstaben der drei hebräischen Stadtnamen ab. Avadiev sagt: «Die Wiederbelebung der „SchUM“-Städte hat weltweite Bedeutung. Juden von anderen Kontinenten wie etwa Amerika besuchen diese Wiegen jüdischer Gelehrsamkeit.»

Sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust zeigt sich der Landesvorsitzende optimistisch: «Ich sehe eine Zukunft für uns in Rheinland-Pfalz. Die jüdische und christliche Religion und Kultur sind eng verflochten. Christen setzen sich mit Herzblut für uns ein.» Die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden im Land seien stabil. «Wir nehmen aber auch gerne weitere Juden aus der Ukraine und aus anderen Ländern auf.» (lrs)