Mannheim: Flüchtlinge berichten im Theater von traumatischen Erlebnissen

Im Mannheimer Nationaltheater haben Flüchtlinge das Wort. Sie berichten auf der Bühne mit Hilfe von Schauspielern von Flucht und Verfolgung. Das Theaterprojekt soll keine Eintagsfliege sein.

Von Christian Jung und Sandra Cartolano, dpa

Intime Lebenseinblicke und traumatische Erlebnisse auf der Bühne: Das Mensch-Sein und die Individualität von Flüchtlingen stehen im Mittelpunkt der Theaterperformance «Mannheim Arrival» am Mannheimer Nationaltheater. Die teilweise sehr bewegenden Biografien und Fluchthintergründe von mittlerweile 40 in Mannheim lebenden Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten und dem Balkan werden vor allem mit der Unterstützung von Schauspielern erzählt. Die Uraufführung am Samstagabend wurde mit viel Beifall bedacht.

Traumatische Erlebnisse von Vergewaltigungen, den seelischen Strapazen einer Bootsflucht mit 600 anderen Menschen über das Mittelmeer bis hin zur religiös-motivierten Verfolgung wurden detailliert und einfühlsam-erschreckend geschildert. Der Autor und Journalist Peter Michalzik hatte im Vorfeld mit den beteiligten Flüchtlingen biografische Interviews durchgeführt.

Bei der Veranstaltung lieh auch «Tatort»-Schauspielerin Ulrike Folkerts einer christlichen Asylsuchenden aus dem Nordirak ihre Stimme. Meist saßen die Flüchtlinge verschiedener Altersgruppen auf der Bühne in der Nähe der sie porträtierenden Schauspieler, was die eindrucksvollen Lebensgeschichten noch verstärkte. Viele Flüchtlinge schilderten, dass sie auf ihrer Flucht nach Deutschland in Österreich am schlechtesten behandelt worden seien.

Zunächst war der in die deutsche Gegenwart transformierte Theaterklassiker «Ein Blick von der Brücke» von Arthur Miller aufgeführt worden. Einer der Fazitsätze «Es kann doch nicht sein, dass wir stören, weil wir leben» offenbart die Aktualität der dramatischen Dichtung. In dem Stück um die Aufnahme von illegal lebenden Migranten in einer Familie wirkten die Flüchtlinge als Musiker und Statisten mit.

Viele Theater in Deutschland haben mittlerweile ihr Herz für Flüchtlinge entdeckt. Sie beteiligen die Schutzsuchenden aus dem Ausland an Aufführungen, sammeln Spenden, veranstalten Begegnungsfeste, organisieren Deutschkurse oder lassen Asylsuchende in ihren Häusern übernachten. Auch im Südwesten beschäftigt das Thema die Theaterschaffenden, nicht nur in Mannheim. Für das Theater Heidelberg etwa erarbeitet ein deutsch-griechisches Regieduo derzeit einen Theaterabend über Flüchtlinge, die in Heidelberg eine neue Heimat finden wollen. In Stuttgart führt die Theatergruppe Lokstoff ab Montag ein Stück über Flucht in einem Überseecontainer auf.

Was das Mannheimer Projekt derzeit bundesweit einzigartig macht, ist die Komplexität: Es gibt ein Stück über und mit Flüchtlingen, es gibt Begegnungsfeste und Eingliederungshilfen. Die rund 40 Asylsuchenden, die an dem Projekt teilnehmen, werden ganz individuell gefördert, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das Projekt soll keine Eintagsfliege sein. Es ist auf mindestens zwei Jahre ausgelegt und könnte nach Angaben von Schauspielintendant Burkhard Kosminski noch erweitert werden, wenn genug Spenden zusammenkommen.

Der Grund, warum Mannheim hier die Nase vorn hat, ist ein ganz simpler: Das Theater hat schon vor über einem Jahr mit den Planungen für das Projekt begonnen, als das Thema Flüchtlinge noch längst nicht so omnipräsent in der Öffentlichkeit stand wie heute. Man sei quasi von den Ereignissen überrollt worden, sagt Kosminski. Schnellschüsse in dieser Angelegenheit sieht er nicht gern: «Das Thema ist so brisant, da muss man etwas Substanzielles leisten», betont der Schauspielintendant.