Mannheim: GE-Mitarbeiter setzt offenen Brief auf

Ein Mitarbeiter des von der Schließung bedrohten General-Electric-Werks in Mannheim-Käfertal hat einen offenen Brief verfasst, den die IG Metall weitergeleitet hat. Wir veröffentlichen den Brief in der Folge im Original und ungekürzt:

 

GE – General Eletric, eine success story made in USA. Der seit 1892 existierende amerikanisch ansässige KOnzern kann seit Gründung tatsächlich auf eine beindruckende Unternehmensgeschichte zurückblicken und beschäftigt in über 100 Standorten auf der Welt mehr als 300.000 Mitarbeiter. Mitarbeiter, welche Zeitmanagement, Arbeitslohn und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehr schätzen und auch von der Unternehmensleitung entsprechend unterstützt werden. In der Zeitschrift „Eltern“ wurde das Unternehmen in diesem Jahr sogar als das beste familienfreundlichste Unternehmen ihrer Branche ausgezeichnet. Eigentlich eine Ehre, die man aktuell als Mitarbeiter der ehemaligen Firma Alstom nur schwer nachvollziehen und verdauen kann.
Erst Ende 2015 hat GE nach einem erbitterten Bieterstreit und Auflagen des Kartellamtes die Energiesparte des französischen Konzerns Alstom übernommen. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Mitarbeiter – in Deutschland und Schweiz – gefreut. Alstom ging es über Jahre schlecht, Angestellte mussten im stetig wiederkehrenden Rhythmus um ihren Job bangen und kämpfen. GE sollte es besser machen, ein großer amerikanischer Konzern mit sehr gutem Umsatz und einem hervorragenden Namen sollte frischen Wind in die Energiesparte bringen und endlich die Weichen für die Zukunft stellen. Diesen hatte man zugegebenermaßen im Management des Alstoms Konzern offenbar verschlafen.
Im Januar 2016 wurde der Freude über die neue Führungsspitze ein jähes Ende bereitet. In einer Betriebsversammlung am 13.01.2016 hat man 1.700 Mitarbeiten mitgeteilt das man sie nicht mehr benötigte und ihre Standorte sehr stark ausgedünnt oder geschlossen werden. Mit dabei der Standort Mannheim bei dem 1.066 Mitarbeitern vom Stellenabbau betroffen sind.
Die Nachricht trifft die Mitarbeiter unvorbereitet, Fassungslosigkeit, Unverständnis und Existenzangst kehren – mal wieder – in die Köpfe die betroffenen Mitarbeiter zurück. Viele der Beschäftigten kennen die Situation bereits von vorherigen Übernahmen – BBC über ABB, hin zu Alstom und nun zu GE – immer musste man um den Job bangen und Arbeitskämpfe durchfechten und dachte nun mit GE eine solide Führungsspitze mit Zukunftspotential gefunden zu haben. Doch weit gefehlt.
Seit der Schreckensmeldung im Januar ist für die über 1.000 Beschäftigten kaum Etwas passiert, keiner weiß – bis heute Mitte November – wie es weitergeht, ob man bald auf der Straße steht, ob man morgen sein Haus noch bezahlen kann und die Familie über Wasser halten kann.
Nach Ankündigung der massiven Stellenstreichungen hat der Betriebsrat zunächst die Kurzarbeit aufgekündigt und die Angestellten kehrten mit nahezu sofortiger Wirkung zurück an ihre Arbeitsplätze. Man fertigte weiterhin Turbinen und hoffte das Beste. Ruhig ist es geworden um die Kündigungen und die Geschäftsleitung. Die Ruhe vor dem Sturm? Ja, das scheint es wohl zu sein.
Mitte des Sommers hat man zahlreiche Turbinen, welche Alstom zur Fertigung zugeschrieben waren plötzlich mit der Aussage diese seien storniert worden auf Eis gelegt. Weitere Informationen blieben verschwiegen. Der Betriebsrat des Unternehmens arbeitete unterdessen an zahlreichen alternativen Fertigungsmöglichkeiten für das Werk Mannheim und versuchte immer wieder die Geschäftsführung in Gespräche zu bewegen oder potentielle Investoren aufzutun. Ende Oktober dann die Nachricht, dass alle Gespräche gescheitert seien. Wieder völlig überraschend für die Beteiligten, was zur Folge hatte das eine Einigungsstelle über das Gericht vom Betriebsrat eingeklagt wurde.
Bereits nach dem ersten Folgegespräch teilte die Geschäftsführung von GE mit, dass alle Vorschläge abgelehnt sind, sie seien nicht zukunftsträchtig und könnten die Beschäftigten nicht retten. Die Aussage ist, dass man bis 30. November alle Sozialpläne verhandelt haben will, andernfalls droht die Streichung der Gelder. Ebenso hat GE einen potentiellen Investor abgelehnt, das Angebot sei unseriös und man könne keine Beschäftigungsgarantie für die Mitarbeiter erkennen können.
Was macht dies alles aus einem Mitarbeiter? Wir als Betroffene können es Ihnen sagen und sicherlich können es alle unter Ihnen nachempfinden, welche eine ähnliche Situation schon erlebt haben. Wir wollen die Öffentlichkeit über unsere Situation informieren und allen sagen, dass wir es wert sind.
Seit Januar wissen wir weder, ob wir unser Haus in einem Monat noch abbezahlen können, noch ob wir unsere Familien ernähren können. Eine Mischung aus Wut, Niedergeschlagenheit, Trauer und kreisenden Gedanken um die Zukunft bestimmen mehr und mehr den Alltag. Man wartet und hofft, dass die Firma gerettet werden kann, dass die teuren Maschinen der Halle für andere Zwecke genutzt werden oder Investoren eine Verwendung für uns und unsere Gebäude finden.
Letztlich gibt es nichts Schlimmeres wie Schweigen und Ignoranz. Genau dies hat man mit uns gemacht, uns mit völliger Ignoranz gestraft. Wäre der Betriebsrat nicht gewesen, dann hätten wir sicherlich seit Mitte Januar keinerlei Informationen über nichts erhalten. Macht man dies mit Menschen? Wirft man Ihnen einen Brocken hin, welche überspitzt ausgedrückt ihren Ruin bedeuten kann und wartet dann ab was Sie tun? Muss man an dieser Stelle nicht denken, dass man hofft, dass wir alleine aufgeben und freiwillig eine Kündigung einreichen? Das wäre sicherlich eine Option, ich persönlich arbeite aber seit über zwanzig Jahren in diesem Unternehmen. In allen Höhen und Tiefen habe ich mich mit dem Unternehmen identifiziert, arbeite gerne, mag mein Team und freue mich täglich auf meine Arbeit. Aufgeben ist ausgeschlossen und so geht es auch einer Vielzahl anderer Kollegen. Zahlreiche unter Ihnen kämpfen allerdings mit ihrem Selbstwertgefühl, sind niedergeschlagen und quälen sich mit schlaflosen Nächten. Ganz davon abgesehen, dass dieser emotionale Kreis auch auf die Familien überschwappen.
Wir haben das Gefühl, dass man gar nicht daran interessiert ist, uns zu helfen. Was genau soll die Aussage der Investor gibt keine Jobgarantie. Das ist doch völlig haltlos angesichts der Tatsache, dass man uns diese auch bei GE nicht gibt. Man hat von Beginn an nicht mit offenen Karten gespielt, uns hingehalten, Gespräche abgebrochen, notdürftig nach der Klage wiederaufgenommen und uns zu guter Letzt mitgeteilt, dass man auch die Gelder streicht, wenn man uns nicht alsbald loswird. Dies ist zumindest unsere Wahrnehmung und entspricht in irgendeiner Form auch der Realität. Wir können alle nicht nachvollziehen, warum ein so großes und angesehenes Unternehmen wie GE ein solches „Spiel“ auf dem Rücken von 1700 Mitarbeitern spielt und warum man uns und damit auch unseren Familien keine realistische Chance gibt und an konstruktiven Ideen arbeitet. Ist uns loszuwerden wirklich so viel günstiger und effizienter als uns zu verkaufen und uns gegeben falls bei einem Investor eine Aussicht auf Zukunft zu geben? Ist man vielleicht sogar dazu bereit uns vor Weihnachten die Kündigung als Präsent zu überreichen, diese noch als betriebsbedingt hinzustellen und damit zahlreiche Klagen in Kauf zu nehmen, weil es am Ende noch günstiger ist, als uns zu behalten und konstruktiv eine Aussicht zu geben? Was muss in Menschen vorgehen, um andere Menschen nur aus purer Profitabilität und Umsatzahlen so zu behandeln und Ihnen quasi ihre komplette Existenz zu nehmen. Vielleicht verliert man ab einer bestimmten Hierarchiestufe im Unternehmen jegliche Sozialkompetenz und Empathie, zumindest hat man bei uns diesen Eindruck hinterlassen. Es fällt uns auf Grund aller Vorkommnisse wirklich schwer anderer Gedanken zu haben oder Rückschlüsse zu ziehen.
Wir werden mit diesem Schreiben nicht die Welt verändern und leider wohl dennoch unseren Job verlieren und ab morgen vielleicht unsere Partner zur Arbeit schicken müssen oder Häuser / Wohnungen verkaufen. Wir möchten aber dennoch die Öffentlichkeit informieren, weil wir allen da draußen die Geschichte von uns und unserer Übernahme von General Electric erzählen wollen. Wir möchten Ihnen alle zeigen, wie es sich anfühlt, einfach eine Nummer in einem großen Kreislauf zu sein ohne in irgendeiner Form Beachtung geschenkt zu bekommen.
Wir sind aber keine Nummer, sondern Menschen und es deswegen Wert, dass alle wissen, wie wir uns fühlen und wir man seit nunmehr 12 Monaten mit uns umgeht und es immer noch tut. Wir haben Gefühle, Verstand und wir haben Existenzen, die es wert ist, dass man uns mit Ehrlichkeit und Respekt behandelt und uns eine reale Chance bietet. Wir möchten nicht weggeworfen werden, wie ein leerer Karton. Eine realistische Aussicht und Antworten auf die vielen Fragen, das wünschen wir uns. Leider haben wir diese auch auf der letzten Betriebsversammlung nicht erhalten. Die Geschäftsleitung hat auf Grund der Aufforderung an eine externe Person, das Gebäude zu verlassen, aus Solidarität die Versammlung mit verlassen. Solidarität ein Wunsch den wir auch uns gegenüber gerne hätten. Wir hoffen aber bis zum Schluss, denn Hoffnung stirbt zuletzt und wünschen uns einfach weiterhin offene Nachrichten, Antworten auf unsere Frage, konstruktive Diskussionen und Verständnis für unsere Situation. Man sagt doch, dass Träume im Leben wichtig sind, wir halten daran fest, denn wer nicht träumt und kämpft, hat schon verloren.