Mannheim – Theaterintendant Kosminski: „Flüchtlingshilfe muss Substanz haben“

Viele Theater beschäftigen sich derzeit mit dem Thema Flüchtlinge. Das Nationaltheater Mannheim will mehr: Es bringt Einzelschicksale auf die Bühne und hilft den Protagonisten auch bei der Arbeitssuche.

Interview: Sandra Cartolano, dpa

Mannheim (dpa/lsw) – Flüchtlinge sind derzeit auch in der Kulturszene ein großes Thema. Viele Theater in Deutschland engagieren sich in Hilfsprojekten, lassen Stücke schreiben, sammeln Spenden oder bringen Schutzsuchende in ihren Räumlichkeiten unter. Das Nationaltheater Mannheim geht noch einen Schritt weiter. Das Haus hat ein großes Projekt mit einer Uraufführung, mit Begegnungsfesten und Eingliederungshilfen für die beteiligten Flüchtlinge auf die Beine gestellt. «Das Thema ist so brisant, da muss man etwas Substanzielles leisten», sagt Schauspielintendant Burkhard Kosminski.

Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Theaterabend über und mit Flüchtlingen zu inszenieren?

Antwort: «Wir haben das Projekt vor circa einem Jahr entwickelt. Die Idee war relativ simpel: Wir wollten mit den Verfolgten, die nach Mannheim gekommen sind, ein Gespräch führen über ihre Heimat, ihre Flucht und darüber, wie es ihnen in Deutschland geht. Die Überlegung war, dass sich die Angst vor Flüchtlingen legt, wenn man ihnen ein Gesicht und eine Stimme gibt. Die Arbeit mit ihnen ist sehr berührend und das Thema lässt einen nicht mehr los. Man versteht die Beteiligten hinterher besser und sie wachsen einem ans Herz.

Wir nehmen die Flüchtlinge sehr ernst. Sie kommen auf der Bühne vor, aber sie werden nicht ausgestellt. Es geht um einen sensiblen Umgang mit Flüchtlingen auf der Bühne. Und sie haben selbst Ideen in den Theaterabend eingebracht, die ihnen wichtig sind. Aber nicht alle Flüchtlinge sind an dem Punkt, dass sie über ihre Erlebnisse sprechen können. Daher haben wir uns auch mit Ärzten beraten, die auf traumatisierte Menschen spezialisiert sind.»

Frage: Was für Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt?

Antwort: «Eines unserer Ziele ist es, soziale Kontakte herzustellen, damit die Flüchtlinge nicht in Parallelgesellschaften abdriften. Wir glauben, dass durch die Aufführung Neugierde auf die Angekommenen entsteht und sich die Zuschauer bei einem Fest im Anschluss auf eine Begegnung mit den Protagonisten einlassen. Integration durch Kultur – das ist eine Aufgabe von Stadttheatern. Und Stadttheater sollten sich auch mit dem aktuellen Zeitgeschehen beschäftigen und die Auswirkungen auf ihre Region zeigen. Die Menschen aus dem Stück „Mannheim Arrival“ sind hier, denen können Sie morgen beim Einkaufen begegnen. Kunst zu machen ist immer sinnvoll, aber diesmal ist es noch ein bisschen sinnvoller, weil man das Gefühl hat, dass man etwas gesellschaftlich sehr Relevantes tut und einen Dialog anregt.»

Frage: Sie helfen den Menschen auch ganz konkret – was genau tun Sie?

Antwort: «Helfen ist ein großes Wort. Das Thema ist so brisant, da muss man etwas Substanzielles leisten. Unkoordiniertes Helfen ist oftmals kontraproduktiv. Man muss sich gezielt Gedanken machen, wie man helfen kann und was man macht. Für mich bedeutet Hilfe, festzustellen, was ein Mensch für Pläne hat, was für Qualifikationen und Fähigkeiten er mitbringt und ob es einen Weg gibt, diese auf dem Arbeitsmarkt einzusetzen. Und genau das tun wir in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Verbänden.

Die knapp 40 teilnehmenden Flüchtlinge erhalten zunächst einmal individuelle Bildungsgutscheine. Wir hoffen aber auch, dass daraus eine Bewegung wird und Geld gespendet wird, damit auch Menschen profitieren können, die nicht an dem Projekt beteiligt sind. Das Schöne am Theater ist: Wir müssen nicht Realpolitik machen, wir können träumen.»

ZUR PERSON: Burkhard C. Kosminski war bis 2006 leitender Regisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus und ging dann als Schauspieldirektor zum Nationaltheater Mannheim. Dort ist er seit März 2013 Betriebsleiter und Schauspielintendant.