Mannheim/Qingdao: Ende einer abenteuerlichen Reise – nach 18.000 Kilometern wieder gut zu Hause

Nun sind sie also wieder zu Hause – und sie wurden empfangen wie der Kaiser von China, wenn dieses Wortspiel für den Moment einmal erlaubt ist: Nach 18.000 Kilometern mit dem Auto von Qingdao über die historische Seidenstraße und einem würdigen Finale in Mannheim sind unsere Fernsehkollegen wieder gut in ihrer Heimatstadt angekommen – diesmal allerdings nicht mit dem Auto, sondern mit dem Flugzeug.

Von Ralph Kühnl

Ihre Tour hatte ja durchaus etwas Abenteuerliches: Von der Ostküste Chinas ging es mit sechs Autos durch elf Länder – an Bord: 19 Journalisten, Kameraleute, Cutter, Techniker, Producer. Seit dem 25. September waren sie unterwegs, am 1. Dezember kamen sie in Mannheim an. Bei einem Abend unter Kollegen im Studio A des Rhein-Neckar Fernsehens – begleitet von einer zünftigen Haxe mit Knödeln und Kraut, zubereitet von Marc Kunkel in der Telekoch-Küche – erzählten sie von ihrer Reise: Dass zwar alles von einem Reisebüro penibel vorbereitet gewesen sei, sie aber doch von Überraschungen heimgesucht wurden.

Abenteuerliche Reise

Beispielsweise von einem Nationalfeiertag in Turkmenistan. Die Original-Route sollte von dort durch den Iran mit seiner Hauptstadt Teheran und dann nach Aserbaidschan gehen. Wegen eines Nationalfeiertages in Turkmenistan waren jedoch die Grenzen geschlossen – 20 Tage lang. In einer Hauruck-Aktion disponierte das Team um, fuhr von Usbekistan weiter nach Kasachstan, um von dort über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan überzusetzen – zunächst ohne Visa. Nächstes Problem: Wegen eines Sturmes auf dem Binnenmeer lag die Fähre fest – das Team musste 60 Stunden in den Autos auf dem uralten UdSSR-Frachter ausharren, der sie auf die andere Seite bringen sollte. In Baku schließlich sollte ein Teil des Teams ausgetauscht werden – aber wann? Alle gebuchten Flüge hatte es bereits verpasst. Unsicher, wann die Kollegen den Flughafen erreichen würden. Die Stimmung am Tiefpunkt – Langmut und Geduld als Kernkompetenz gegen Lagerkoller.

Oder diese andere Geschichte, als die TV-Leute mit ihren sechs Autos ohne Sprit in einer Wüste festsaßen – ein Tanklaster musste kommen, um sie wieder flott zu bekommen. „Die letzten Wochen waren extrem herausfordernd, wir haben gearbeitet bis an die Grenze der Erschöpfung – aber natürlich ist diese Reise eine Erfahrung, von der wir den Rest unseres Lebens zehren werden“, sagte Lan Hai, der Producer des Projektes bei Qingdao-TV. Jeden Tag berichteten drei Reporterteams von der Seidenstraße für den Nachrichten-Kanal von QTV, dem Regionalsender Qingdaos in Radio und Fernsehen. Tagsüber drehen, abends und nachts Beiträge schneiden, Posts für die Senderwebsite und WeChat schreiben, der chinesischen „Super-App“, die – wollte man sie mit amerikanischen Produkten vergleichen – in etwa die Funktionen von Facebook, WhatsApp und Paypal miteinander vereint.

18.000 Kilometer – und täglich Reportagen von der Seidenstraße

Für den Sender war die Reise ein Prestige-Projekt: In der „One Belt, One Road“-Initiative der chinesischen Zentralregierung fällt Qingdao unter anderem die Rolle der Kommunikation über das gesamte Projekt zu. Die TV-Leute hatten gewissermaßen den Auftrag, den Status Quo entlang der Seidenstraße zu erheben. China will ihre Anrainerstaaten künftig finanziell und organisatorisch unter die Arme greifen will, um Straßen und Schienen für einen besseren Warenaustausch zwischen Europa und China zu ertüchtigen. Dass der Chef des Nachrichtenkanals von QTV, Wang Wenke, die Reise fast komplett begleitete, zeigt die Relevanz des Projektes.


Linktipp: Mehr zu den Hintergründen der „One Belt, One Road“-Initiative und vertiefende Links zur Reise der Kollegen von Qingdao-TV gibt es in diesem Artikel auf RNF.de.


Qingdao-TV betreibt sechs TV-Kanäle, sendet für mehr als 20 Millionen Menschen in und um Qingdao, hat gut 1.800 Mitarbeiter – ist also spürbar größer als RNF. Und dennoch pflegen die beiden Sender eine Partnerschaft. 2004 wurde das erste Dokument, das eine Kooperation regelte, unterschrieben. 2014 wurde es bekräftigt und erweitert, und seither gehen regelmäßig Videos via Internet zwischen den Sendern hin und her, die dann im jeweils anderen Programm ausgestrahlt werden. Die Stadt Mannheim und die Stadt Qingdao unterzeichneten ihren Partnerschaftsvertrag nach gut 25-jähriger Freundschaft erst 2016. Im Fall gegenseitiger Besuche haben sich die TV-Partner verpflichtet, einander logistisch zu unterstützen, was bei Besuchen von RNF-Teams in Qingdao in der Vergangenheit immer sehr gut funktionierte. Jetzt also die Gegenprobe in Mannheim – und dann gleich in dreifacher Ausführung.

Beitrag aus RNF Life vom 01.12.2016

Zwei Tage Berichte aus Mannheim direkt nach Qingdao

Zwei Tage dauerte der Aufenthalt des chinesischen TV-Teams in Mannheim. Zwei Tage, die RNF für die Kollegen plante und organisierte, um ihnen möglichst viel Programm aus Mannheim zu ermöglichen. RNF brachte die chinesischen Reporter zum Interviewtermin mit Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz, an und ins Mannheimer Schloss, an den Wasserturm und auf den Weihnachtsmarkt, zur Popakademie, in den Hafen, an den Bahnhof, den Luisenpark mit seinem chinesischen Garten und dem Teehaus, auf den Fernmeldeturm, ins Technologiegründerzentrum MAFINEX, die Ausstellung anlässlich des 200. Jahrestages der Erfindung des Fahrrads in Mannheim sowie in die erste Fabrik von Carl Benz, ins Carl-Benz-Museum nach Ladenburg. Überall drehten die chinesischen Kollegen ihre Bilder, um Geist und Charakter der Stadt zu erfassen und erzählten die Geschichten, die sie brauchten, um den Menschen zu Hause die Partnerstadt Mannheim näher zu bringen. Abseits der großen Politik, nah an den Menschen, nah an ihrem Alltag.

Erste Videos, Bilder und Texte sind unter diesen Links (chinesisch) erschienen:
http://mp.weixin.qq.com/s/YhBKEWq9T-NY97XCK2–bQ
http://mp.weixin.qq.com/s/yYnSwo0v9VH2HYGsZt3yaQ

Natürlich begann man unter Kollegen miteinander zu reden, auf Englisch, zumindest rudimentär – und trotz der Sprachbarriere kamen auch kritische Themen zur Sprache: Meinungsfreiheit, Zensur, das Verhältnis von Staat und Medien. Die Kollegen interessierten sich dafür, wie diese Dinge in Deutschland gehandhabt werden und gaben über die Gepflogenheiten in ihrem Heimatland Auskunft – eine Erfahrung, die RNF nicht zum ersten Mal machte: Bei den regelmäßigen Besuchen chinesischer TV-Delegationen in Mannheim werden diese Themen offen angesprochen. Neben anderen. Denn ebenso häufig sind Fragen zu Arbeitsabläufen und Finanzierung in TV-Sendern, zur Rolle der Werbung und den Konsequenzen des Medienwandels für die eigene Gattung – mit zuweilen erstaunlichen Parallelen in den Ansätzen den Herausforderungen zu begegnen.

China im Programm von RNF

Auch im Programm von RNF schlug sich der Besuch aus China prominent nieder: In der RNF-Diskussionsrunde „Zur Sache“ setzten sich QTV-News-Chef Wang Wenke, der Repräsentant des Sino-German Ecoparks Shen Lei, Jürgen Lindenberg, Vizepräsident der IHK Rhein-Neckar, David Linse, Leiter Internationale Beziehungen der Stadt Mannheim sowie der Chef der Mannheimer Privatbrauerei Eichbaum Jochen Keilbach – allesamt in ihrem Berufsalltag eng mit China befasst – mit der „One Belt, One Road“-Inititiative Chinas auseinander. Die Runde ging unterstützt von einer chinesischen Simultanübersetzung über den Sender – eher ungewöhnlich im Regionalfernsehen.

 


„Zur Sache“ vom 02.12.2016

Offizieller Empfang und Bürger-Party auf dem Mannheimer Marktplatz

Nachdem sich Anfang November konkretisiert hatte, wann das QTV-Team nach Mannheim kommen würde, lief die Organisationsmaschinerie an. Gemeinsam mit der Stadt Mannheim plante RNF auf Bitten der chinesischen Partner einen offiziellen Empfang, um dem Ende der 18.000-Kilometer-Tour einen angemessenen Rahmen zu verleihen. Dr. Norbert Egger, China-Experte und Wegbereiter der Mannheimer Kontakte nach Qingdao, lud dazu Generalkonsul Wang Shunqing aus Frankfurt nach Mannheim ein – der auch umgehend zusagte.

Video aus RNF Life vom 05.12.2016

Die Feierstunde fand im Trausaal des Alten Rathauses am Marktplatz mitten in der City statt. Erster Bürgermeister Christian Specht hob die wichtige strategische Lage beider Städte für die Logistik zwischen Deutschland und China hervor und bekräftigte die bereits im August von Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz ins Spiel gebrachte Idee einer Güterzuglinie zwischen Mannheim und Qingdao. Im Trausaal sprach er nach dem Partnerschaftsvertrag vom August nun schmunzelnd von der „Hochzeit der beiden Städte“ – eine Formulierung, die Gäste aus China in der späteren Berichterstattung gerne aufgriffen, wie sie überhaupt von der Herzlichkeit und Wärme des Empfangs und der ihnen entgegengebrachten Wertschätzung begeistert waren.

Generalkonsul Wang Shunqing zeigte sich überzeugt von der tiefen Freundschaft der Mannheimer zu ihren chinesischen Partnern – was er schon alleine daran festmachte, dass er bereits zum dritten Mal innerhalb seiner erst viermonatigen Amtszeit zu Gast in der Quadratestadt war. Reden der Fernseh-Partner Wang Wenke und Bert Siegelmann sowie von Shen Lei, Repräsentant der Stadt Qingdao und des Sino-German Ecoparks Qingdao in Deutschland, komplettierten den Reigen. Ein würdevoller, gut gelaunter Empfang im Trausaal – bei dem das Schild mit der Aufschrift „Nicht mit Reis werfen“ mit Blick auf die chinesischen Gäste zusätzlich für Lacher sorgte.

Im Anschluss machte RNF zu Ehren der Kollegen von QTV Party auf dem Marktplatz: Die Bühne des RNF-Trucks aufgeklappt holten Bert Siegelmann und Ralph Kühnl zahlreiche Persönlichkeiten ans Mikrofon, die die Freundschaft zwischen Mannheim und Qingdao gefördert haben: Dr. Norbert Egger, den ersten ausländischen Fußball-Nationaltrainer Chinas Klaus Schlappner, Felix Kurz, Vorsitzender der neu gegründeten Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Mannheim/Rhein-Neckar, und viele mehr. Die Chinesische Schule Mannheim-Neckarau besorgte das Begleitprogramm mit chinesischen Kinderliedern, Tänzen und Tai Chi. Die sechs Reportagewagen umrahmten die Szenerie und zogen die neugierigen Blicke der etwa 250 Mannheimer auf sich, die trotz den schlechten Wetters am 2. Dezember eigens zum Marktplatz kamen. Sie erlebten beispielsweise auch mit, wie Stadtmarketing-Geschäftsführerin Karmen Strahonja den Gästen aus Fernost ein Fahrrad übergab: Im Jahr des Fahrrad-Jubiläums 2017 wird es durch Qingdao rollen, und die Kollegen von QTV werden Aufnahmen davon nach Mannheim schicken – eine Erfindung rollt um die Welt. Und auf dem RNF Action-Truck war es auch, wo Wang Wenke und Bert Siegelmann das Zielbanner nach 18.000 Kilometern symbolisch gemeinsam durchliefen.

Gleich nach dem Event auf dem Marktplatz rollten die Autos auf einen Transporter, der sie nach Hamburg brachte. Hier wurden sie in Containern zurück nach Qingdao, einen der größten Seehäfen der Welt, verschifft. Die Crew selbst stieg in Frankfurt ins Flugzeug: Non-stop ging es nach Hause. Neun Stunden bis nach Qingdao – kein Vergleich zu den Wochen und Monaten zuvor.

Der Besuch aus China: aufwändig, aber unbedingt lohnenswert. Er stärkte die Beziehungen zwischen QTV und RNF. Zum ersten Mal arbeiteten die Partner tatsächlich in größerem Maßstab zusammen – erfolgreich. Und nachdem die Reise des chinesischen Teams nun gut zu Ende ging, reifen Pläne. Oder wäre ein Gegenbesuch einiger RNF-Reportagewagen in Qingdao nicht einfach nur konsequent? 😉