Odenwaldschule: Neuer Verdacht auf Missbrauch

Heppenheim/Darmstadt (dpa/lhe) – Die Odenwaldschule wird von einem neuen Missbrauchsverdacht erschüttert. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt wegen möglicher sexueller Übergriffe gegen einen kürzlich fristlos entlassenen Lehrer, wie ein Sprecher am Mittwoch sagte. Um welche Handlungen es genau geht, wollte die Anklagebehörde aus Gründen des Opferschutzes nicht bekanntgeben. Betroffen seien aber möglicherweise mehrere Schüler. Einer der Vorwürfe dreht sich demnach um ein Zeltlager, bei dem der Lehrer gemeinsam mit einer
zweiten Lehrkraft und rund zehn Schülern in einem Zelt übernachtet haben soll.

„Uns wurden eine Reihe von Vorfällen mitgeteilt, die es rechtfertigen, dass wir Ermittlungen aufnehmen“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Noah Krüger. Die Schilderungen stammten von Schülern, die nicht selbst betroffen seien, aber Beobachtungen gemacht hätten. „Wir müssen jetzt prüfen, was geschehen ist, und ob es strafrechtlich relevant ist.“ Laut dem stellvertretenden Landrat des Kreises Bergstraße, Matthias Schimpf, gibt es auch Berichte über regelmäßige Besuche eines Schülers in der Wohnung des Lehrers. Dies sei eindeutig eine Grenzverletzung, die den Aufsichtsbehörden hätte gemeldet werden müssen – wenn sie der Schulleitung bekannt war, sagte Schimpf.

Der entlassene Lehrer hatte zugegeben, vor seiner Zeit an der Odenwaldschule im Jahr 2011 Kinderpornos heruntergeladen zu haben. Dass es einen weitergehenden Verdacht gegen den Mann gibt, hatte die
Schule am Dienstag öffentlich gemacht. Die Schulleitung hatte zuvor Schüler in Vier-Augen-Gesprächen nochmals befragt, die schon zuvor von einem „komischen“ Verhalten des Pädagogen berichtet hatten. Eine Schließung der Schule steht laut dem Landkreis trotz der neuen Vorwürfe nicht zur Debatte. „Das ist jetzt nicht die Option“, sagte
Schimpf. Zunächst gehe es darum, zu fragen, was innerhalb der Schule mit den ersten Vorwürfen gegen den Lehrer geschah und ob richtig reagiert wurde. In der Odenwaldschule würden Kinder und Jugendliche auch sehr gut betreut.

Der Opferverein „Glasbrechen“ erneuerte dagegen seine Forderung nach einem Aus für die Schule in ihrer jetzigen Form. „Die Lehrer haben viel zu viel Platz und Zeit, sich ihren Schutzbefohlenen zu nähern“, sagte der Vorsitzende des Opfervereins „Glasbrechen“, Adrian Koerfer, der dpa. Die SPD forderte die Landesregierung zum Einschreiten auf.
Der Vorstand der Elternvertreter setzte sich dagegen für den Fortbetrieb ein. Es gebe ein funktionierendes Präventionsprogramm, heißt es in einem veröffentlichten Brief an die Aufsichtsbehörden. Die Schule hatte sich am Dienstag bereiterklärt, einen Katalog mit zusätzlichen Auflagen zu erfüllen. Unter anderem muss die Leitung „ab
sofort“ monatlich schriftlich und ausführlich über alle außergewöhnlichen Vorfälle die Aufsichtsbehörden  informieren, ihr Präventionskonzept überarbeiten und ihr Betreuungskonzept überdenken.

Erst vor wenigen Jahren hatte die Odenwaldschule die Schlagzeilen mit einem Missbrauchskandal beherrscht. Seit den 1960er Jahren waren dort mindestens 132 Schüler von Lehrern sexuell missbraucht worden, die Übergriffe kamen aber erst Jahrzehnte später an die Öffentlichkeit. Die Schule hatte daraufhin Reformen versprochen, um für die Schüler Sicherheiten gegen Missbrauch einzubauen.