Sandhausen: Kompromiß im Straßenstreit?

Sandhausen (dpa/lsw) – Wo Sandhausen liegt, wissen Fußballfans im Südwesten, seit der SV Sandhausen in der zweiten Bundesliga spielt. Während der kleine Verein den sportlichen Wettstreit mit den Großen der Liga sucht, steckt die Gemeinde im Rhein-Neckar-Kreis in einer kleinteiligen Debatte um die Landesstraße 600. Ein Kompromiss könnte jetzt einen Schlusspunkt unter den jahrzehntelangen Streit setzen.

Ende der 1980er Jahre schien eigentlich alles festzustehen: Für den Bau der Bundesstraße 535 bei Heidelberg sollte als ökologischer Ausgleich ein Teilstück der L600 zu einem Feldweg werden. Das ist allerdings bis heute nicht geschehen. Die Gemeinde will die Straße
behalten: Mehr als ein Drittel der rund 15 000 Einwohner unterschrieben Ende 2010 eine Petition zum Erhalt der Landstraße. Auch Bürgermeister Georg Kletti (CDU) kämpft seit Jahren für die Straße. Ohne sie würden aus seiner Sicht Autos und Lastwagen auf ihrem Weg zur Autobahn durch seine Gemeinde brettern. „Heidelberg kriegt die Umgehung und als Ausgleich bekommen wir den Verkehr reingedrückt.“ Kletti spricht von Tausenden zusätzlichen Fahrzeugen pro Tag. Denn obwohl die Bundesstraße im Jahr 2000 in Betrieb ging, herrscht auf der L600 weiterhin reger Verkehr.

Der Landesvorsitzende des Umweltverbandes Nabu, Andre Baumann, betont den hohen ökologischen Wert der Landschaft um Sandhausen. „Die Gemeinde beherbergt die wertvollsten Binnendünenbiotope Deutschlands und kann stolz auf dieses Naturerbe sein“, sagt er. Von Baumann stammt die Idee, die dem Streit ein Ende setzen könnte: Er schlägt vor, die Landstraße zwar vollständig zu erhalten, zum Ausgleich für die Bundesstraße aber ein 36 Hektar großes Naturschutzgebiet zu schaffen und vorhandene Sandbiotope zu vernetzen. Gemeinde, Petitionsausschuss und Landtag unterstützen das Konzept.

Sandhausen würde seine eigene Umgehung behalten. Bis November soll das Ausgleichskonzept fertig sein. Georg Nelius, Berichterstatter des Petitionsausschusses zur L600, zeigt sich zuversichtlich, dass der jahrzehntelange Streit bald beigelegt ist.
„Ich bin ein unverbesserlicher Optimist.“ Andere Umweltschützer pochen jedoch auf den alten Beschluss – und fordern weiter, die Landstraße zurückzubauen. „Für den erfolgten
Neubau müssen auch wieder Flächen entsiedelt werden. Das muss die Gemeinde Sandhausen endlich akzeptieren“, kritisiert der Landesgeschäftsführer des Umweltverbandes BUND, Michael Reisser.

Klaus Ihlenfeld vom Landesnaturschutzverband spricht gar von Rechtsaushebelung: Er habe 1987 mit betroffenen Bauern vergeblich gegen die Trassenfestlegung der B535 geklagt. Durch das Urteil sei der Beschluss des Bundes festgeklopft worden, als Ausgleich einen Teil der L600 in einen Feldweg umzuwandeln. „Da zweifelt man an der Berliner Rechtsstaatlichkeit“, sagt er. Ihlenfeld bezweifelt denn auch, dass mit dem Kompromiss das letzte Wort in dem Dauerstreit gesprochen ist.