„Schulz-Mania“ in Mannheim: Balsam für die Seele der Südwest-SPD

150 Jahre SPD in Mannheim – und die letzten waren nicht unbedingt die besten. Kanzlerkandidat Schulz wischt das Debakel der Landtagswahl einfach beiseite. Für ihn zählt nur die Gegenwart.

Mannheim (dpa) – Wo der Gegner steht, daran lässt Martin Schulz an diesem Tag keinen Zweifel. Die AfD sei eine «Schande für die Bundesrepublik», ruft der SPD-Kanzlerkandidat den 1200 Zuhörern in der Mannheimer Rheingoldhalle zu. Auch Front-National-Chefin Marine Le Pen und US-Präsident Donald Trump nimmt der Parteichef ins Visier. Es ist eine Rede, die nicht durch Neuigkeitswert besticht. Aber jeder kann die Botschaft hören, die er will. Die Zuhörer sind begeistert.


Martin Schulz in Mannheim – der Video-Beitrag aus „RNF Life“ (31.03.17)

 


Hier, in ihrer Hochburg Mannheim, verloren die Sozialdemokraten beim Fiasko der Landtagswahl vor einem Jahr ihr Direktmandat ausgerechnet an die AfD. Lange hat auch die Südwest-SPD ihre Energie in internen Machtkämpfen verheizt. Und nun kommt Schulz. Als wolle der Hoffnungsträger der Partei in einer Art «Eil-Heilung» die Wunden der Landtagswahl schließen, lässt er die Verlierer von gestern hochleben. Für einen Moment scheint das klassische sozialdemokratische Ideal vom warmen, echten Miteinander Wirklichkeit geworden.

Es ist ein Heimspiel für den Ex-Aktiven von Rhenania Würselen und Fan des 1. FC Köln. Im Fußball würde man von einem Pflichtsieg sprechen. Das zeigt schon der Einzug zum Lied «Don’t stop» von Fleetwood Mac. Etwas ungläubig erheben sich die Genossen im Saal von ihren Plätzen, als sich die kleine Prozession der Bühne entgegenschiebt. «Wir sind alle doch nur stolze Statisten», murmelt Astrid Peter, seit 42 Jahren Parteimitglied. Sie wirkt ein wenig überfordert. Schulz schiebt sich durch ein Spalier von Fans, greift links und rechts nach Händen, die sich ihm entgegenstrecken, sucht im Getümmel ein bekanntes Gesicht.

Freiheit, Wohlstand, Sicherheit – kein Lassowort lässt Schulz in seiner Rede aus, um die Zuhörer emotional einzufangen. Was er erreichen will? Merkel ablösen. Inhalte? Weitgehend Fehlanzeige. Es wirkt wie ein Vorgeschmack auf kommende TV-Duelle mit Merkel. Der Aufsteiger aus Würselen gegen die mächtigste Frau der Welt – an Klischeegegensätzen ist kein Mangel.

Vor seinem Mannheimer Auftritt absolviert Schulz schnell ein dicht gedrängtes Programm inklusive Selfies im Produktionswerk der Heidelberger Druckmaschinen in Wiesloch-Walldorf. Etwa 4500 Menschen arbeiten hier. Es liegt zumindest ein freundliches Interesse in der Luft, als sich der Kandidat im blitzsauberen Vorführzentrum des Weltführers aus Baden-Württemberg die Anlagen vorführen lässt.

Zu sehen gibt es nicht nur eine autonome Druckmaschine, die eigentlich so gut wie alles selbst erledigt. Auch eine Maschine die einen handgenähten Fußball mit dem Schriftzug «Martin Schulz» bedruckt, wird präsentiert. Da muss Schulz lachen. «Wahnsinn», sagt er und reckt den Daumen nach oben. Diesen kleinen Gag hat Manfred Seifert vorbereitet. Der 53 Jahre alte IT-Experte freut sich über die Begeisterung des Sozialdemokraten – und lobt Schulz.

Besonders schätzt er die autodidaktischen Fähigkeiten von Schulz, der eine ungewöhnliche Biografie vorzuweisen hat. «Ich finde es ganz charmant, dass er beispielsweise drei Sprachen spricht. Das kann man ja nun wirklich nicht von vielen früheren Kanzlern behaupten», sagt Seifert und lächelt. Nun, Kanzler ist Schulz ja auch gar nicht, vielleicht wird er es ja nie. Aber wer beobachtet, wie sich Unternehmensführer, Gewerkschafter und Fans um den Sozialdemokraten drängen, könnte fast vermuten, er sei es schon.