Südhessen: Mistel bedroht Kiefernbestand im Ried – „Invasionsartige Verbreitung“

Ein stark zunehmender Befall mit Misteln schädigt in Teilen von Hessen den Baumbestand. Betroffen ist
Experten zufolge vor allem das warme Ried im Süden – und dort trifft es insbesondere Kiefern. Der Leiter des Forstamtes Lampertheim, Ralf Schepp, spricht gar von einer „invasionsartigen Verbreitung“ der Mistel. Es gebe kaum noch Kiefern, die nicht betroffen seien. Die Inventuren im Wald sprächen eine eindeutige Sprache: „Wir stellen fest, dass es gravierend mehr wird.“ Gegenmittel gebe es keine.

Die Mistel ist ein sogenannter Halbparasit. Sie betreibt zwar auch selbst Photosynthese, wandelt also Kohlendioxid (CO2) mit Hilfe der Sonne unter anderem in Sauerstoff um. Gleichzeitig schmarotzt sie aber auch und entzieht ihrem Wirt Wasser samt darin gelöster Nährstoffe. Vitale Bäume können Mistel-Sporen dem Landesbetrieb HessenForst in Kassel zufolge mit Harz und ihrem gerbsäurehaltigen Stammsaft abwehren. Trifft die Mistel allerdings schon geschwächte Bäume, kann sie bedrohlich werden – wie eben in Teilen von Südhessen. Normalerweise setze sich die Mistel vor allem an Pappeln und Obstbäume und stelle – sofern sie nur vereinzelt vorkomme – nicht unbedingt eine Bedrohung für den Wirtsbaum dar, betonte HessenForst. Sorgen bereitet Förstern in Hessen aber seit rund 25 Jahren der
Mistel-Befall von Kiefern – und zwar im gesamten Rhein-Main-Gebiet. Das deute darauf hin, dass in dieser Region die Bäume bereits durch mehrere Dinge Schaden genommen hätten. Ihre Abwehrmechanismen seien wegen des abgesenkten Grundwasserspiegels, Trockenperioden, mehr Schadstoffen sowie dem Befall mit Maikäfer-Engerlingen geschwächt. HessenForst zufolge gab es beispielsweise von September 2016 bis Juni 2017 eine ausgeprägte Trockenperiode, die insbesondere dem Wald im Hessischen Ried stark zusetzte. Dann werde die Mistel zu einem „Schwächeparasiten“. „Die Mistel kann dann dazu beitragen, dass eine Kiefer abstirbt“, erklärte Schepp vom Lampertheimer Forstamt. Das Ried sei noch wärmer und trockener als andere Gegenden, was Bäumen entsprechend zu schaffen mache. Die Durchschnittstemperaturen würden höher, die Zahl der Hochsommertage mit mehr als 30 Grad steige. „Die Mistel ist ein Wärmezeiger“, sagte Schepp. Sie verbreite sich, indem Starenvögel ihre weiße Frucht fressen und mit dem Kot auf Zweigen wieder ausscheiden. Und im Ried gebe es weitläufige Vogelschutzgebiete mit zahlreichen Tieren. „Die vielen Vögel sichern die Verbreitung“, erklärte Schepp.

Das Problem: Es gibt kein Mittel gegen die Mistel. Das Schlagen befallener Bäume sei auf jeden Fall keine Lösung, betonte HessenForst. Denn vereinzelt könnten sich auch schon befallene Bäume wieder erholen. Schepp zufolge wird zumindest versucht, einen Baumbestand mit einem hohen Kronenanteil zu schaffen. Bäume würden schon in jungen Jahren freigestellt, bekämen also mehr Platz, um große Kronen auszubilden. Das mache es etwas unwahrscheinlicher, dass die Mistel nicht nur Zweige, sondern auch die Stammachse des Baumes befalle. „Das wirkt aber alles nur indirekt und langfristig.“ (dpa/wg)