[VIDEO] Speyer: Nah bei Gott – nah den Menschen: Kohls Grab liegt an Schnittstelle

Dass Altkanzler Kohl in Speyer und nicht in Ludwigshafen beerdigt werden will, hat viele überrascht. In Speyer hat er sich eine besondere Grabstelle ausgesucht. Sie liegt zwischen einer Kirche und einem Spielplatz an einem idyllischen Ort.

Text: Jasper Rothfels, dpa
Video: Markus Hoffmann, RNF

Speyer (dpa/lrs) – Helmut Kohls letzte Ruhestätte liegt in einem grünen Idyll mitten im Herzen der Domstadt Speyer. Es ist ein Platz an der Schnittstelle zwischen Kirche und säkularer Welt, umgeben von großen alten Bäumen, bunten Blumen und einem kleinen Spielplatz in der Nähe. Die Grabstelle des Altkanzlers liegt auf dem sogenannten Kapitelsfriedhof, am Rande des Adenauer-Parks.

Die etwa zehn mal acht Meter große Sandfläche ist erst vor wenigen Tagen gerodet worden und liegt noch brach. Vögel zwitschern, der Lärm der Straßen dringt nur gedämpft hierher. «Da ist Ruhe und Frieden», sagt eine 68-jährige Frau, die in der Nähe wohnt und oft im Park ist. «Da ist er erlöst.» Am 1. Juli ist es soweit – dann wird der Staatsmann hier beerdigt. Am Tag davor, vermutet Stadtsprecher Matthias Nowack, wird das Grab ausgehoben.

Die Wahl des Ortes hat Symbolkraft. Zwar liegt Kohls Grab nicht in der Nähe des Speyerer Domes, dem er sich besonders verbunden fühlte. Aber eine Verbindung zu der fast 1000 Jahre alten Kathedrale gibt es trotzdem. Kohl wird auf dem Friedhof des Domkapitels beigesetzt. Hier liegen Männer, die mit der Verwaltung der Kathedrale oder dem Gottesdienst zu tun hatten. Die Grabsteine der zuletzt verstorbenen Geistlichen sind nur wenige Meter von Kohls letzter Ruhestätte entfernt, die direkt an den Park grenzt.

Ebenfalls nur wenige Meter entfernt ist die Friedenskirche St. Bernhard, die Friedhofskirche des Domkapitels. Das Anfang der 50er Jahre in hellem und rotem Sandstein errichtete Gotteshaus entstand aus einem Geist heraus, der auch Kohls Politik geprägt hat. Sie wurde von Franzosen und Deutschen als «Symbol für Friede und Aussöhnung» gebaut, wie es heißt. Bei der Grundsteinlegung 1953 waren Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und der frühere französische Ministerpräsident und Außenminister Robert Schumann dabei.

Damit Kohls Grab auf dem Gelände Platz findet, wurden einige Büsche und Teile eines Zauns entfernt, der den Friedhof vom Adenauer-Park abgrenzt. Auch drei Gedenksteine seien versetzt worden, berichtet der Sprecher des Bistums Speyer, Markus Herr. Nach seinen Worten hat die Kirche die Fläche für das Grab zur Verfügung gestellt. Um die übrigen Dinge – etwa vorbereitende Arbeiten und Grabpflege – kümmerten sich Stadt und Familie.

Stadtsprecher Nowack sagt, die städtische Friedhofsverwaltung erledige die Arbeiten im Auftrag des Domkapitels. Kohls Grab soll vom Park aus zugänglich sein, während es vom Kapitelsfriedhof wohl abgegrenzt wird. «Es bleibt aber Fläche des Domkapitels», sagt Nowack. Wer die Kosten für die Pflege übernimmt, ist noch nicht entschieden. Oberbürgermeister Hansjörg Eger (CDU) hat gegenüber der Lokalpresse gesagt, die Stadt werde sich an der Pflege beteiligen. «Man muss es als Ehrengrab betrachten», sagt Nowack. Die Stadt werde ihren Beitrag leisten. Eine Ratssitzung zu dieser Frage gab es noch nicht.

Dass Kohl hier liegen wird, stößt auf unterschiedliche Resonanz. «Ich finde es schön», sagt die 68-jährige Parkbesucherin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Aber dass Kohl unter lauter Geistlichen liege, wolle ihr nicht in den Kopf. «Er ist ja kein Papst oder sonstwas.» «Ich finde es absurd, dass er hier ist», sagt ein 57-Jähriger. «Ich finde es gut, dass man ihn ehrt, aber das wirft ein ganz komisches Licht auf die Diözese Speyer und auf das Domkapitel.» Es entstehe der Eindruck, dass der Bischof und das Domkapitel mit der Macht koalierten.

Der Kapitelsfriedhof ist – wie die im Stil eines Zisterzienserklosters gehaltene Bernhardskirche – noch nicht alt. Er wurde nach Bistumsangaben 1955 geweiht, ein Jahr nach der Kirche. Der Adenauer-Park selbst erhielt 1958 seine heutige Form. Wo heute Friedhof und Park liegen, hatte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts der Friedhof der Stadt befunden, der «Alte Friedhof». Nach der Schließung 1881 blieb das Areal mehr als 70 Jahre ungenutzt.

An die Vergangenheit erinnern noch einzelne Gabsteine, etwa der von Amalie Feuerbach (1805-1830), der «Mutter des großen Malers». Oder die Gruft des Bürgermeisters J.F. Kümmich (1694-1754), der wie Kohl zweimal verheiratet war. Kohl selbst wollte nicht ins Familiengrab nach Ludwigshafen, wo auch seine erste Frau Hannelore liegt.

Heute ist der zwischen drei gut befahrenen Straßen in Bahnhofsnähe gelegene Park ein beliebtes Ziel für Menschen, die Ruhe und Entspannung suchen oder nur für sich sein wollen. Für 600 Euro können sich Paare in einer gotischen Kapelle von 1516 trauen lassen. Große, alte Bäume spenden auf Rasenflächen Schatten, es gibt Blumenbeete und einen Seerosenteich mit Enten.

Eine junge Mutter sitzt mit ihrer sieben Monate alten Tochter auf einer Decke. Sie wohnt nach eigenen Angaben in der Nähe. «Ich kann verstehen, dass man hier seine letzte Ruhe haben will», sagt die 31-Jährige. Und: «Ich hoffe, dass der Park so schön ruhig bleibt wie bisher.»