Weinheim: Ingrid Noll wird 80

In ihren Romanen töten Frauen auf subtile und kuriose Weise. Viele Mordgeschichten wurden zu Bestsellern und anschließend verfilmt. Nun wird die in Weinheim lebende Krimi-Autorin Ingrid Noll 80 Jahre alt. „Lebt ihr Mann noch?“ wird Ingrid Noll auf Lesungen von ihren Fans oft gefragt. „Ja, er ist mittlerweile 84 Jahre und hätte als Arzt bessere Möglichkeiten gehabt, mich still zu beseitigen“, antwortet die Schriftstellerin dann. Am kommenden Dienstag (29. September) wird Ingrid Noll selbst 80 Jahre alt. Der Grund für die „indiskreten“ Fragen ist einfach: Denn in den mittlerweile 13 Romanen von Ingrid Noll, darunter so bekannte Titel wie „Der Hahn ist tot“ und „Die Apothekerin“, töten und morden ausschließlich Frauen auf subtile, kuriose und unvorhersehbare Weise ihre Opfer. „Nur in meinen Kurzgeschichten haben Männer üben dürfen, Frauen umzubringen“, sagt Ingrid Noll lächelnd in ihrem kleinen Arbeitszimmer. Hier in Weinheim schreibt sie ihre Bücher mit dem Computer an freien Vormittagen. Die liebenswürdige ältere Dame, dreifache Mutter, widmet sich im Privatleben ausschließlich ihrer Familie. Im „Hauptberuf“ ist sie Oma und betreut ihre vier Enkel. Wilde Spiele im Wohnzimmer haben auf dem Ledersofa ihre Spuren hinterlassen. Auch Hausaufgaben oder Französisch-Nachhilfe stehen auf dem Enkelprogramm. Doch morgens beginnt Ingrid Noll beim Frühstück mit einer Tätigkeit, die ihre Fantasie anregt und ein Grund für ihren Erfolg ist. Sie liest die örtliche Tageszeitung und vertieft sich intensiv in den Lokalteil. „Ich lese alles Mögliche und schneide mir auch interessante Gesichter aus. Langsam entstehen in meinem Inneren Menschen und Charaktere, die dann mit der Zeit mit einer Geschichte verschmelzen“, sagt Ingrid Noll. Besonders durch ihre frühere Tätigkeiten in der Arztpraxis ihres Mannes oder im Elternbeirat „kenne ich sehr viele Menschen“. Deshalb ist nicht auszuschließen, dass Patienten, Lehrer oder Mütter als Vorlage für ihre Romanfiguren standen. In der Ich-Form entwirft sie mit Empathie ihre Protagonisten und schlüpft beim Schreiben in deren Rolle. Die Morde in ihren Geschichten seien nicht von Anfang an „als Plot konzipiert“, sondern würden sich „einfach mit der Zeit ergeben“. Nach dem Erscheinen ihres jüngsten Buches „Der Mittagstisch“ (2015) rund um eine alleinerziehende Mutter Mitte dreißig habe sie noch keine richtige Idee für ein neues Buchprojekt. Beim Zugfahren hält sich Ingrid Noll geistig mit Sudoku fit, sie beobachtet Mitreisende oder die Landschaft. Sie hört gerne klassische Musik und zeichnet. Jeden Abend spielt sie mit ihrem Mann zudem eine Partie Scrabble. Die 1935 in Shanghai (China) geborene Autorin kam 1949 in die Bundesrepublik. Erst mit 55 Jahren begann sie zu schreiben – als ihre Kinder das Haus verließen. Ihr erster Roman „Der Hahn ist tot“ (1991) wurde sofort positiv aufgenommen. Viele ihrer Bestseller-Bücher mit aktuellen Bezügen zum Zeitgeschehen wurden, wie „Die Apothekerin“ (1997) mit Katja Riemann in der Hauptrolle, erfolgreich verfilmt. Im Jahr 2005 erhielt Ingrid Noll den Arnsberger Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren, einen Art „Crime-Oscar“, für ihr Lebenswerk. Die Jury stellte damals heraus, sie habe „Mord und Totschlag aus der künstlichen literarischen Sphäre von Verschwörung, psychischer Abnormität und Serienmord zurückgeholt in die Welt der kleinen grauen Mäuse, in denen wir uns alle wiedererkennen“. Danach folgten sechs weitere Romane wie „Hab und Gier“ (2014). Die Tageszeitung „Die Welt“ schrieb jüngst: „Die meisten Opfer haben es durchaus verdient, von Ingrid Noll auf perfide und ziemlich elegante Weise um die Ecke gebracht zu werden.“ Und im Deutschlandradio Kultur wurde das Werk der Autorin als „bösartig, respektlos und mit scharfem Blick für die Schwächen der Protagonisten“ charakterisiert. Auch die  Literaturwissenschaft hat sich der Autorin angenommen: „Die Mörderinnen in den Kriminalromanen der Ingrid Noll: Zwischen Mauerblümchen und Femme fatale“ heißt etwa eine Abschlussarbeit der österreichischen Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Anna Lilly Wimmer aus dem Jahr 2013. (dpa)