Worms: Nibelungen als Fantasy-Märchen

Siegfried als dauergrinsender Einfaltspinsel, Brunhild als Domina, Gunther als ihr Bondage-Opfer – so hat man „Die Nibelungen“ von Friedrich Hebbel vermutlich noch nicht gesehen. Dieter Wedel, Intendant der Wormser Nibelungenfestspiele, inszeniert das Helden-Epos um Liebe, Eifersucht und Tod als opulentes, modernes Fantasy-Spektakel mit Fechtszenen, Feuer-Effekten und prächtigen Kostümen. Dem Publikum – darunter Prominenz wie Hans-Dietrich Genscher und Roberto Blanco – gefällt’s: Es bedenkt die Premiere von „Hebbels Nibelungen – Born To Die“ am Freitagabend vor dem Wormser Dom mit viel Applaus. RNF berichtet über die Premiere am Montag in RNF-Life. Wedel macht aus dem Bühnenklassiker ein düsteres Fantasy-Märchen und setzt dabei neue Akzente. Siegfried (Vinzenz Kiefer, „Baader-Meinhof-Komplex“) etwa ist nicht der übliche strahlende Held, sondern ein einfältiger Sonnyboy mit Superkräften. Gunther (der frühere Leipziger „Tatort“-Kommissar Bernd Michael Lade) und Hagen (Lars Rudolph, „Gold“) kommen als spätpubertierende Rüpel daher. Kathrin von Steinburg („Shoppen“) spielt Brunhild als moderne Zicke, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzt und letztlich an ihrem eigenen Ehrgeiz zerbricht. Und Cosma Shiva Hagen als Kriemhild verwandelt sich im Lauf des Abends von einer kichernden Barbie in eine kreischende Rachegöttin. Der Wormser Dom als Originalschauplatz der „Nibelungen“ gibt die perfekte Kulisse ab und kommt an einigen Stellen selbst ganz groß raus. So wirken Filmeinspielungen an der Außenmauer des Doms wie ein Schlüsselloch und es entsteht die Illusion, man könne direkt hineinschauen. Das Bühnenbild wirkt dagegen zurückhaltend, fast minimalistisch. Nackte Erde, karge Holzbauten und ein Lagerfeuer passen gut zum mittelalterlichen Plot, und die Wirkung wird von gregorianischen Gesängen und Glockengeläut noch verstärkt. Die visuellen Anklänge an aktuelle Fantasy-Filme und -Serien sind offensichtlich. Das sei durchaus so gewollt, sagt Wedel. Schließlich erinnerten auch die Fantasy-Filme und Comic-Verfilmungen der vergangenen Jahre sehr an mittelalterliche Ritterspiele – und sie bedienten sich gerade auch beim Nibelungenlied.
Es gibt mystische Momente – etwa wenn Brunhild in Isenland ihren ersten großen Auftritt hat. Und natürlich kommt auch die Komik nicht zu kurz, wenn Hagen weinselig „Heute hau’n wir auf die Pauke“ grölt, Volker (Markus Majowski) in einem Erdloch stecken bleibt oder der in Ketten gelegte Gunther Brunhild Blümchen pflückt. Doch es überwiegen die düsteren Töne: Blut fließt, Köpfe rollen – bis hin zur martialisch wirkenden Schlussszene. Ein Happy End gibt es natürlich nicht, obwohl Wedel zwischendurch das Gefühl vermittelt, dass es durchaus hätte anders ausgehen können. Er zeigt für einen kurzen Moment, dass Siegfried und Brunhild vielleicht doch ein glückliches Paar hätten werden können. Dass allen das Glück zu Füßen lag und sie nur hätten zugreifen müssen, statt darauf herumzutrampeln. Die Tragödie ist bis zum 21. Juli auf der Freiluftbühne vor dem Kaiserdom in Worms zu sehen. Nach Angaben der Veranstalter sind für die Vorstellungen nur noch wenige Einzelkarten erhältlich. Im nächsten Jahr – Wedels letztem Jahr als Festspiel-Intendant – ist die Fortsetzung des Stücks geplant. (dpa)