Mannheim: Vesperkirche fördert Gemeinschafts-Gefühl

Mit warmem Essen und ärztlicher Hilfe stehen
evangelische Gotteshäuser in Baden-Württemberg wieder für Bedürftige
bereit. Als eine der ersten Vesperkirchen in diesem Jahr öffnete die
CityKirche Konkordien in Mannheim am Samstag ihre Türen. Am Sonntag
folgte dann Karlsruhe. In diesem Winter dienen im Südwesten Dutzende
Gebetsstätten wieder dem barmherzigen Zweck. „Trotz stabiler
Wirtschaftslage führen immer noch Menschen ein Schatten-Dasein“,
sagte Mannheims Dekan Ralph Hartmann. In dieser Saison ist Gerlinde
Kretschmann Schirmherrin der württembergischen Vesperkirchen.
In Mannheim kamen am Eröffnungstag mehr als 450 Gäste. „Traditionell
wird die Zahl in den nächsten Tagen rasant steigen – worüber man
sicher nicht stolz sein kann“, sagte Pfarrerin Anne Ressel. Serviert
wurden Kalbsfrikassee, Butterspätzle und Schokomousse. Ehrenamtliche
versorgen bis zum 4. Februar Gäste täglich von 11 Uhr bis 15 Uhr mit
einer Mahlzeit – erbeten wird ein Beitrag von einem Euro – und bieten
Lebensberatung an. „Besonders beängstigend auffallend ist der Zuwachs
an Rentnern“, sagte Pfarrerin Ilka Sobottke. Wie in anderen Städten
werden die Kosten von rund 150 000 Euro mit Spenden gedeckt.
In Karlsruhe versorgt das Kooperationsprojekt zwischen Diakonischem
Werk, Evangelischer Kirche Karlsruhe und Johannis-Paulus-Gemeinde in
der Johanniskirche ebenfalls Bedürftige vier Wochen lang mit Essen
für einen Euro. Dazu gibt es gratis Kaffee und Kuchen und einen
Vesperbeutel mit belegten Broten sowie Obst zum Mitnehmen. Bei der
Aktion sind mehr als 350 Ehrenamtliche im Einsatz, die insgesamt rund
6500 Mahlzeiten servieren und mit insgesamt etwa 8000 Gästen rechnen.
Jeder Tag koste rund 2000 Euro, sagte Sprecherin Judith Weidermann.
In Ulm wird sich die Pauluskirche am 11. Januar für knapp vier Wochen
in einen Speisesaal verwandeln – bereits zum 23. Mal. Zur Tradition
gehört, dass Bedürftige und andere, die eher auf der Sonnenseite des
Lebens stehen, sich miteinander an einen Tisch setzen. Auch die
Vesperkirche in Ulm wird größtenteils aus Spenden finanziert. Doch
wer es sich leisten kann, ist gebeten, etwas für ein Menü zu zahlen.
Möglich ist auch der Erwerb von Gutscheinen zum Verschenken.
Das Ulmer Angebot reicht über Mahlzeiten hinaus. Auf Initiative des
Augenarztes Hans-Walter Roth werden im Rathaus wieder Brillen
gesammelt – besonders Lesebrillen seien bei bedürftigen älteren
Besuchern der Vesperkirche begehrt, hieß es bei der Stadtverwaltung.
Die Vesperkirche in der Landeshauptstadt Stuttgart findet ab dem 14.
Januar in der Leonhardskirche statt. Bis zum 3. März gibt es dort
eine warme Mahlzeit und ärztliche Grundversorgung für Bedürftige.
„Das Essen ist nur ein Türöffner – es geht vielen auch um
Geselligkeit und das Gefühl, Teil der Gemeinschaft zu sein“, sagte
eine Mitarbeiterin der Diakonie Mannheim. Wichtig seien auch Gesten,
zum Beispiel wird Bedürftigen die Mahlzeit an den Tisch gebracht. (dpa/mho)