1899: Frühlingsgefühle in Hoffenheim

Der kroatische Stürmer Andrej Kramaric brüllte in den Katakomben des Frankfurter Stadions ein „Jaaa!“
hinaus, das alle Gespräche und Interviews übertönte. „Wir sind alle sehr, sehr erleichtert“, sagte sein Teamkollege Niklas Süle nach dem so wichtigen 2:0 (0:0) von 1899 Hoffenheim beim Mitkonkurrenten
Eintracht Frankfurt. Im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga haben sich die Kraichgauer erst einmal etwas Luft verschafft. Im neunten Spiel unter dem erst 28 Jahre alten Trainer-Novizen Julian Nagelsmann
gab’s am Samstag den fünften Sieg. Den verdankte die TSG vor allem den Jokern Nadiem Amiri und Mark Uth.

Hoffenheim jubelt, Frankfurt depressiv 

Als Tabellen-14. hat Hoffenheim nun vier Punkte mehr als die Eintracht, die vor 51 000 Zuschauern in tiefste Depressionen stürzte und die Fans fassungslos zurückließ. Die wenigen hundert 1899-Fans feierten ihre Profis, als sei der Klassenerhalt bereits geschafft. Davon wollte Nagelsmann natürlich nichts wissen. „Wir waren heute nicht die zwei Tore besser, sind aber trotzdem glücklich, dass wir gewonnen haben“, sagte er und erklärte: „Wir müssen auf die Euphoriebremse treten. Wir sind noch nicht gerettet.“ Nagelsmann Taktik war in der ersten Halbzeit nicht aufgegangen: Fahrig und verunsichert agierten die Gäste, nichts war mehr zu spüren von der Euphorie aus der Anfangsphase unter dem neuen Cheftrainer.
Der zog dann jedoch die richtigen Joker aus dem Ärmel.

Nadiem Amiri „on fire“

Nur eine Minute nach seiner Einwechslung knöpfte Nadiem Amriri an der Mittellinie Marc Stendera den Ball ab, rannte auf und davon und schoss flach zum 1:0 ein (62.). Was ihm in dieser Szene durch den Kopf ging? „Viele Gedanken“, meinte der 19-Jährige lächelnd. „Ich hab‘ den Ball erobert. Zuerst dachte ich, es ist ein Foul. Erst wollte ich abspielen, dann doch laufen… Zum Glück habe ich die richtige Entscheidung getroffen. Es war jedenfalls ein überragendes Gefühl.“ Amiri hatte zuletzt zwar sein Debüt in der deutschen U21-Nationalmannschaft gegeben, saß aber diesmal erst auf der Bank. „Zu Recht“, wie der in Ludwigshafen geborene Mittelfeldspieler mit afghanischen Wurzeln selbst sagte. In seinem ersten Profijahr spürt er allmählich den Kräfteverschleiß. „Ich war schon extrem heiß“, meinte Amiri, oder wie es sein Trainer ausdrückte: „Nadiem war on fire.“ Mit den Worten „Gib Gas, Junge!“ hatte Nagelsmann Amiri auf den Platz geschickt – schneller und präziser hat wohl noch keiner seiner Spieler eine Anweisung umgesetzt. „Das ist ein ganz feiner Junge, der klar im Kopf ist“, lobte Süle den Youngster. Auch wegen seiner blitzschnellen Antritte und sauberen Technik gilt Amiri als Kandidat für die deutsche Olympia-Mannschaft für Rio.

Auch der zweite Joker schlägt zu

Neben Amiri traf auch der zweite Joker: Mark Uth machte in der 90. Minute alles klar für die Hoffenheimer. „Im Abstiegskampf gibt es solche Spiele – und genau solche Spiele muss man gewinnen“, meinte Nationalspieler und Kapitän Sebastian Rudy. „Es sind immer noch fünf Spiele und es ist noch alles möglich, aber: Heute freuen wir uns erstmal.“ Das galt auch noch für den Sonntag: Da sagte Nagelsmann das Training ab. (dpa/wg)