Bad Dürkheim: „Wackeln tuts immer“ – Besuch bei den Schlechtwetterfliegern der Pfalz

Hagelstürme können binnen Minuten Millionenschäden anrichten und die Arbeit eines Jahres vernichten. Vielerorts versuchen Piloten, aufziehende Gewitter mit einem Silberjodid-Gemisch zu bekämpfen. Die Methode gilt als umstritten – in der Pfalz ist man aber überzeugt.

Wenn das Wetter schlecht wird über Vorder- und Südpfalz, schlägt die Stunde von Otto-Wilhelm und Marc Umstätter. Dann steigen Vater und Sohn mit einem einmotorigen Flugzeug von Bad Dürkheim auf, der Regenfront entgegen. Unter den Tragflächen der Cessna 182: ein Rauchgasgenerator, mit dem die erfahrenen Piloten die dunklen Wolken „impfen“. Die Metallkörper jagen ein Gemisch aus Silberjodid und Aceton in die Luft, das dem Gewitter etwas von seiner zerstörerischen Wucht nehmen soll – damit am Boden kein Schaden entsteht. Otto Wilhelm und Marc Umstätter sind Hagelflieger. In diesem Jahr hatten sie 17 Einsätze.

Und so funktioniert es, erklärt Dirk Gerling, der Geschäftsführer des Vereins zur Hagelabwehr Vorder- und Südpfalz mit Sitz in Neustadt an der Weinstraße: Wasser hafte immer an etwas an. „Wenn eine Wolke steigt und sich Wassermoleküle zusammenfügen, gefrieren die Tropfen zu Hagel.“ Das Silberjodid verhindere im Idealfall die Bildung großer Eiskörner. „Das ist Physik“, sagt Gerling. „Wir können es weder zum Abregnen bringen, noch vollführen wir Regentänze in der Luft.“ Gegründet wurde der Verein 2012, als Reaktion auf einen Hagel 2010 in der Südpfalz. „Dabei wurden 5000 Hektar Reben und viele landwirtschaftliche Flächen zerstört, ein Schaden von vielen Millionen Euro“, schildert Vereinschef Reinhold Hörner im Hangar des Flughafens in Bad Dürkheim. Seit 2014 rüstete der Verein zwei Cessnas um, eine Maschine steht in Schweighofen (Kreis Südliche Weinstraße).

Dem Verein gehören außer Winzern und Landwirten auch Kommunen an. „Wir haben rund 600 Mitglieder und wünschen uns noch mehr“, sagt Hörner. Er denkt auch an Firmen und Privatpersonen und verweist zum Beispiel auf Hagelschäden an Photovoltaikanlagen und Autos. Otto-Wilhelm Umstätter ist seit vier Jahren dabei. Der 68-Jährige arbeitete lange als Techniker bei Lufthansa, dann war er 15 Jahre lang in der Welt unterwegs und unternahm Frachtflüge in Afrika, Spanien, Indonesien, Italien und der Türkei. Seit gut drei Jahren ist er Rentner. Mit mehr als 7000 Flugstunden ist Umstätter enorm erfahren – so etwas wie 2018 hat er in der Pfalz aber noch nicht erlebt. „Das war ein Extremjahr mit 42 Einsätzen“, sagt der bärtige Mann. Ob der Klimawandel dahinter stecke, sei schwer zu sagen. „Ich weiß aber eins: Die Intensität der Gewitter wird deutlich massiver.“ Täglich morgens kurz nach 7.00 Uhr erhält der Verein eine E-Mail vom meteorologischen Dienst Südwest-Wetter in Karlsruhe. „Dann wissen wir, ob Bereitschaft nötig ist“, erzählt Marc Umstätter. Er ist seit fast drei Jahren dabei. Mit Jobs in Italien, Indonesien und Curaçao hat es der 31-Jährige auf rund 4000 Flugstunden gebracht. Seit 2017 steuert er für eine deutsche Frachtgesellschaft eine Boeing 777. Das Fliegen mit einer Cessna mache mehr Spaß, sagt Marc Umstätter. „Das ist noch echte Fliegerei und ein Kampf mit den Elementen.“ Mit Leichtsinn habe das nichts zu tun. „Es kann zu Verwirbelungen kommen, aber im gefährlichen Teil der Wolke haben wir nichts verloren.“ Weil es in der Luft stets viel zu tun gibt, sind auch die weiteren Hagelflieger zu zweit. „Gefährlich ist es nicht. Aber wackeln tuts immer“, erzählt der 31-Jährige. Falls eine Rückkehr nach Bad Dürkheim unmöglich ist, gibt es in der Region genug andere Flugplätze. Zur Sicherheit hat die Maschine Treibstoff für eine Zusatzstunde im Tank.

Hagelflieger gibt es weltweit. Ganz unumstritten sind sie nicht. Immer wieder werden Zweifel laut, ob ihr Einsatz wirklich wirksam ist. Befürworter weisen die Bedenken zurück. Sie zitieren etwa Ergebnisse der Forscherin Katja Friedrich, die in den USA 2017 zwei kleine Flugzeuge durch eine Wolkenbank fliegen ließ. Das aus einer Maschine gesprühte Silberjodid half demnach, dass Flüssigkeit gefahrlos herab schneite.

Skeptiker sehen das als Hinweis, aber nicht als Beleg. Der Verein zur Hagelabwehr Vorder- und Südpfalz ist von der Methode überzeugt. „Alles ist wissenschaftlich begleitet“, sagt Vorsitzender Hörner. Hundertprozentige Sicherheit können aber auch Hagelflieger nicht bieten. „Bei Dunkelheit dürfen wir nicht starten, das wäre zu gefährlich“, sagt Geschäftsführer Gerling. Manchmal seien die Gewitter auch zu heftig. „Wir können also nicht alles verhindern.“ (dpa/lrs/asc)