Baden-Württemberg: Durchschnittliche Getreideernte – aber die Bauern sind zufrieden

Wenn der Durchschnitt gut genug ist, kann es insgesamt kein gutes Jahr gewesen sein: Im Vergleich zu anderen Regionen gehen die Bauern in Baden-Württemberg trotz teilweise widriger Umstände noch von einer insgesamt durchschnittlichen Ernte in diesem Jahr aus. Zwar seien die Witterungsbedingungen schwierig, der Winter sehr mild und das Frühjahr arg trocken gewesen. Dennoch könne er Entwarnung geben, sagte der Präsident des Landesbauernverbandes (LBV), Joachim Rukwied, am Montag in Stuttgart. «Der fehlende Regen im Frühjahr hat den Getreide- und Rapsbeständen regional weniger geschadet als zunächst befürchtet», sagte er.

Nicht alle Bauern dürften auf gleiche Weise zufrieden sein mit den Getreideerträgen in den vergangenen Monaten. Die Ernte sei je nach Region sehr unterschiedlich ausgefallen, sagte Rukwied. «Mit Blick auf die schwierigen Bedingungen war es aber noch zufriedenstellend.» Während es im Norden des Landes wieder einmal überwiegend trocken und heiß gewesen und die Ernte daher unterdurchschnittlich ausgefallen sei, habe im Süden ausreichend Regen zur jeweils richtigen Zeit für überdurchschnittliche Erträge gesorgt. Insgesamt jedoch sei der vergangene Herbst zu nass, der Winter zu mild und das Frühjahr dann zu trocken gewesen.

«Wir beobachten, dass durch den Klimawandel Wetterextreme in Häufigkeit und Heftigkeit zunehmen», sagte Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) zur Erntebilanz. Es sei wichtig, die Bauern bei der Bewältigung der Klimafolgen zu unterstützen. In Baden-Württemberg gibt es dafür eine staatlich unterstützte, auf den Betrieb angepasste Risikovorsorge – nicht nur in Form von Versicherungen, sondern auch von technischen Anschaffungen wie Beregnungsanlagen oder Hagelschutznetzen. «Wichtig sind aber auch die Erforschung klimastabiler Pflanzenzüchtungen. Daran arbeiten unsere Experten», sagte Hauk.

Beim Winterweizen – mit einer Fläche von 203 800 Hektar die Hauptkultur in Baden-Württemberg – liegt das Ergebnis in diesem Jahr laut LBV nur leicht über dem Vorjahr. «Der Weizen hat eine gute Backqualität und teilweise niedrige Proteingehalte», teilte der Verband mit. Dagegen ging das Ernteergebnis bei der Wintergerste um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Ein Grund: Spätfrost im Mai in Nord-Ost-Württemberg. «Minusgrade inmitten der Gerstenblüte beschädigten das Getreide, sodass die Ähren häufig keine Körner ausbildeten», sagte Rukwied. Besonders stark betroffene Bestände kamen deshalb frühzeitig ins Silo.

Auf den Absatz der Sommergerste dürfte sich in diesem Jahr auch die Corona-Pandemie auswirken: Die Ernte hat laut LBV zwar eine sehr gute Brauqualität, allerdings ließe sich die Braugerste nur mit deutlichen Preisabschlägen vermarkten. Sie werde kaum nachgefragt, denn es seien viele Gaststätten geschlossen, Großveranstaltungen würden abgesagt, hieß es.

Zufrieden sind die Bauern angesichts der ungewöhnlichen Umstände auch mit den bisherigen Ergebnissen beim ökologischen Getreideanbau, wenngleich sich auch hier die Erträge nach Regionen stark unterscheiden. «Die Bestandsentwicklung war entscheidend abhängig vom Saattermin und dem anschließenden Wasserangebot», teilte der LBV mit, der rund 36 000 Landwirte aus Baden-Württemberg vertritt. «Die Ernteergebnisse der Kulturen werden insgesamt aber als gut beschrieben, die Qualitäten können überzeugen.» Erste Preisprognosen ließen auf stabile Preise schließen.

Dagegen hatte Rukwied als Präsident des Deutschen Bauernverbands zuletzt ein eher düsteres Bild für die Ernte der Bauern jenseits der Landesgrenzen gemalt: Viele Bauern in Deutschland müssten ein drittes Jahr in Folge mit einer mäßigen Ernte leben, hatte er gesagt. Vor allem das Wetter habe den Landwirten in vielen Regionen zu schaffen gemacht. Die Erntebilanz sei unterdurchschnittlich, auch wenn sich die Pandemie nur gering auswirke.

In Berlin hatte Rukwied in der vergangenen Woche den Blick auch auf die Folgen der Erderwärmung gelenkt und betont: «Was wir als Landwirte feststellen müssen: Der Klimawandel manifestiert sich. Wir dreschen deutlich früher, wir haben nicht mehr die Stabilität der Ernteerträge, die wir vor 10, 15 Jahren noch hatten.» Auch die regionalen Unterschiede würden stärker.