Fragen und Antworten: Vortasten zurück in den Alltag – wie es im Südwesten nun weitergeht

Seit Wochen steht der Alltag in Deutschland still. Nun regt sich wieder etwas Leben. Die Normalität lässt aber noch auf sich warten.

Stuttgart (dpa/lsw) – Es war der Showdown zum Shutdown: Bund und Länder haben sich am Mittwoch nach wochenlangem Stillstand auf eine schrittweise Rückkehr in den Alltag in Deutschland geeinigt. Aber die Bürger werden weiter mit vielen Einschränkungen leben müssen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.

Werden die strengen Kontaktregeln nun gelockert?

Grundsätzlich nicht. Bund und Länder haben sich darauf verständigt, dass die seit Wochen geltenden Kontaktbeschränkungen für die Menschen in Deutschland bis mindestens 3. Mai verlängert werden. Damit wolle man eine zweite Infektionswelle verhindern, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach den Beratungen. «Wir fahren auf Sicht, weil es solch eine Pandemie ja noch nie gab.» Innenminister Thomas Strobl (CDU) betonte: «Das ist kein Konzept, wie man nach der Epidemie lebt, sondern wie man mit der Epidemie lebt.»


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Wann öffnen die Schulen wieder?

Der Schulbetrieb soll laut der Einigung von Bund und Ländern ab 4. Mai schrittweise wieder aufgenommen werden – beginnend mit den Abschlussklassen, den Klassen, die im kommenden Jahr Prüfungen ablegen, und den obersten Grundschulklassen. In Baden-Württemberg sollen zuerst die Prüflinge wieder pauken dürfen, die vor ihrem Abschluss stehen. «Die sind auch alt genug, um sich an die Abstandsregeln zu halten», sagte Kretschmann. Danach erst sollen die Viertklässler an die Grundschulen zurückkehren, um ihnen einen geordneten Übergang auf die weiterführenden Schulen zu ermöglichen. Die Kitas bleiben geschlossen, die Notbetreuung im Land soll auf weitere Berufsgruppen ausgeweitet werden.

Lehrer, die etwa wegen ihres Alters zur Risikogruppe gehören, sollen nach Angaben des Kultusministeriums vorerst nicht unterrichten. Auch Schüler mit Vorerkrankungen sollen zu Hause bleiben – genauso wie Schüler, deren Eltern zur Risikogruppe gehören. «Gesundheitsschutz geht vor», betonte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Wie wird der Unterricht konkret aussehen?

Das ist noch unklar. Die Kultusminister sollen sich in den nächsten Wochen nun über Hygiene und Schutzmaßnahmen Gedanken machen. Dabei soll es neben dem Unterricht auch um die Pausen und den Schulbusbetrieb gehen. Eisenmann sprach sich gegen das Tragen von Schutzmasken im Klassenzimmer aus. «Im Unterricht halte ich das, bei Einhaltung der anderen Abstands- und Hygieneregeln, nicht für nötig», sagte sie der «Südwest Presse». Bei der Schülerbeförderung im Bus und in den Pausen könne sie sich Masken aber vorstellen.

Und der Handel?

Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern dürfen unter Auflagen ab Montag im Land wieder öffnen. Dies gilt unabhängig von der Fläche auch für Kfz-Händler, Fahrradhändler und Buchhandlungen. Riesige Schlangen auf den Straßen und eine Ballung in Innenstädten sollen verhindert werden. Bars, Clubs, Diskotheken, Kneipen sowie Theater, Opern und Konzerthäuser bleiben geschlossen. Friseurbetriebe sollen sich dem Beschluss zufolge darauf vorbereiten, unter Auflagen den Betrieb ab dem 4. Mai wieder aufzunehmen – für sie gelten ganz besondere Hygieneauflagen, sagte Kretschmann.

Wie reagiert die Wirtschaft?

«Es ist gut, dass erste Perspektiven für eine wirtschaftliche Öffnung aufgezeigt werden», lobte der Präsident des Industrie- und Handelskammertages (BWIHK), Wolfgang Grenke. Es gelte der Primat der Politik, und es sei wichtig, dass medizinische Überlegungen dabei die Grundlage seien. «Trotzdem ist eine praxisorientierte Planung, das Wirtschaftsleben wieder Schritt für Schritt mit entsprechendem Schutz für Mitarbeiter und Kunden nach oben zu fahren, nun das Gebot der Stunde», sagte Grenke und schlug dafür die Einrichtung einer Arbeitsgruppe aus Vertretern von Regierung, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft vor. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke kritisierte hingegen die Unterscheidung zwischen kleineren und größeren Geschäften: «Wieso kann man sich in einem größeren Laden eher infizieren als in einem kleinen?»

Wann sind Veranstaltungen wieder erlaubt?

Großveranstaltungen sollen nach Vorstellungen der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin bis zum 31. August grundsätzlich untersagt werden. Konkrete Regelungen, etwa zur Größe der Veranstaltungen, sollen demnach von den Ländern getroffen werden. Wie Baden-Württemberg diese Regel konkret umsetzen will, ist noch nicht bekannt. Gottesdienste sollen weiterhin nicht stattfinden, sagte Kretschmann. Ob und ab wann in der Fußball-Bundesliga wieder ein Spielbetrieb ohne Publikum möglich sein wird, muss nach Worten von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) noch diskutiert werden.

Muss ich künftig Masken tragen?

Bund und Länder wollen das Tragen von Alltagsmasken im öffentlichen Nahverkehr und im Einzelhandel «dringend» empfehlen. Die Bürger sollten sich darauf einstellen, dass solch ein Gebot für Alltagsmasken ausgesprochen werde, sagte Kretschmann. Damit sei aber kein medizinischer Mundschutz gemeint – der werde etwa für Ärzte und Pfleger gebraucht. «Eine selbst gemachte oder -erworbene Maske über Mund und Nase reicht erstmal vollkommen aus.»

Wie ist die Lage im Land derzeit?

Die Zahl der Infizierten in Baden-Württemberg stieg am Mittwoch auf 26 050 an – davon sind aber mehr als 12 800 Menschen bereits wieder genesen. Die Zeitspanne, in der sich die Fallzahlen verdoppeln, beträgt momentan 34 Tage. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem neuartigen Virus stieg auf 820 – das Alter der Toten lag zwischen 36 und 102 Jahren. 62 Prozent der Todesfälle waren 80 Jahre oder älter.


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