Frauen-Fußball: 1899 Hoffenheim klammheimlich Spitzenteam in Fußball-Deutschland

Ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit haben bei der TSG 1899 Hoffenheim die Frauen den Männern den Rang abgelaufen –
tabellarisch gesehen. Während die Elf von Trainer Alfred Schreuder um den Anschluss an die internationalen Plätze kämpft, ist das Team von Jürgen Ehrmann plötzlich ein ernsthafter Meisterschaftsanwärter in der Frauen-Bundesliga. Am Freitagabend kommt es zu
einem Duell, das bei den Männern ganz Fußball-Deutschland elektrisieren würde: Die Kraichgauerinnen empfangen als Tabellenzweite den Spitzenreiter und Titelverteidiger VfL Wolfsburg. Im alt ehrwürdigen Dietmar-Hopp-Stadion von Hoffenheim, wo einst der Aufstieg der Kreisliga-Kicker zum etablierten Profi-Club begann, werden allerdings nur etwa 1500 Zuschauer erwartet. Alltag in der Frauen-Bundesliga.

Dabei hat die TSG einige Namen zu bieten, die zumindest in der Szene bekannt sind: Lena Lattwein ist inzwischen zur Nationalspielerin aufgestiegen. Ralf Zwanziger, der Sohn des früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, leitet das Förder- und
Leistungszentrum in St. Leon-Rot mit über 100 Kickerinnen. Und Rekord-Nationalspielerin Birgit Prinz ist Team-Psychologin. „Wenn man den Weg von Hoffenheim sieht: Das ist ein tolles Statement auch für deren Vereinsarbeit“, sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg über das Überraschungsteam, das von der Champions-League-Teilnahme träumen darf.

Seit 2013 gab es keinen anderen Meister als Wolfsburg oder den FC Bayern. „Dass wir jetzt in der Winterpause bereits mehr Zähler haben als im vergangenen Jahr – und schon damals hatten wir einen Vereinsrekord aufgestellt -, ist natürlich einfach nur sensationell“, sagt Trainer Jürgen Ehrmann. Die Gründe für den Erfolg sieht der 58-Jährige auch im überragenden Zusammenhalt der Mannschaft und in den „hervorragenden Möglichkeiten“ bei der TSG. Die Frauen profitieren wie auch die Männer von den
technischen Innovationen wie dem Footbonauten und vom hochprofessionellen Umfeld. „Das macht sich jetzt nach und nach
bemerkbar“, sagt Ehrmann.

Die Hoffenheimerinnen können sich auch auf ihre Torjägerin verlassen: Nicole Billa, Österreichs „Fußballerin des Jahres“, hat bereits 14 Mal getroffen und führt ihren Leistungssprung darauf zurück, „dass ich im vergangenen Sommer meine Ausbildung abgeschlossen habe und mein Arbeitspensum runterschrauben konnte. So bleibt mehr Zeit für Training, für die Regeneration und für mich selbst.“ Wie die Männer in der Bundesliga haben die semi-professionellen TSG-Frauen in dieser Saison bereits den FC Bayern geschlagen, der drei Punkte hinter Hoffenheim liegt. „Wolfsburg ist die einzige Mannschaft, gegen die wir bisher noch nie einen Punkt holen konnten“, sagte Ehrmann in seinem siebten Bundesliga-Jahr. „Das würden wir gerne endlich ändern. Wir möchten diesen schwarzen Fleck aus unserer Statistik rausbekommen.“

Der Berufsschullehrer hatte das Team einst in der Oberliga übernommen und „nahezu ohne externe Neuzugänge“ an die Spitze geführt. Im vergangenen Sommer besuchte Ehrmann mit seinen Spielerinnen ein Camp, in dem sich krebskranke Kinder und deren Geschwister erholen können. „Dabei ist der Slogan „Niemals aufgeben“ entstanden. Dieses Motto begleitet uns seitdem durch die Saison“, sagte er. (mho/dpa)