Freinsheim: Corona als Durststrecke für Bierbrauer – Neue Ideen von findigen Pfälzern

Der Bierabsatz stürzt ab, und unverkaufte Fässer stapeln sich bis unters Dach: Bei vielen Brauereien und Großhändlern sorgt der Corona-Lockdown für eine erhebliche Durststrecke. „Wir verkaufen in einem durchschnittlichen Jahr etwa 10 000 Hektoliter Fassbier, dazu kommen rund 10 000 Hektoliter Flaschenbier“, sagt Jens Lenhardt aus Freinsheim (Kreis Bad Dürkheim). Im Pandemiejahr 2020 brach sein Absatz auf rund 2000 Hektoliter Fassbier ein. „An Umsatzeinbußen machte das etwa eine halbe Million Euro aus“, klagt der Getränkehändler. Restaurants geschlossen und Feste abgesagt: Im Lager nähert sich unverkauftes Fassbier dem Haltbarkeitsdatum.

Lenhardt steht nicht allein. Mehr als 300 Brauereien aus ganz Deutschland machten vor wenigen Tagen in einem Offenen Brief auf die
angespannte Lage aufmerksam. „Mit den Lockdowns und dem dadurch ausgelösten Zusammenbruch des Fassbiermarktes haben die Brauereien von einem Tag auf den anderen einen maßgeblichen Teil ihres wirtschaftlichen Fundamentes verloren. Ware im Wert von vielen Millionen Euro, deren Haltbarkeitsdatum überschritten wurde, musste bereits vernichtet werden“, heißt es in dem Schreiben, das auch viele Betriebe aus Rheinland-Pfalz unterzeichnet haben.

Bei Lenhardt sind 20 Prozent der Käufer Privatkunden, aber 80 Prozent kommen aus der Gastronomie, Hotellerie und Veranstaltungsbranche – alles Bereiche, deren Betrieb seit Monaten von der Pandemie getroffen ist. Aber Bier wegschütten? Das brachte der Pfälzer nicht übers Herz. „Wir haben Tag um Tag gesehen, dass das Verfallsdatum näher rückt und uns gefragt, wie wir verhindern können, dass unser Lager abläuft“, erzählt der 40-Jährige. „So kamen wir auf diese Schnapsidee.“ Lenhardt meint den Begriff wörtlich. Er sprach Thomas Sippel an – der 48-Jährige betreibt im nahen Weisenheim am Berg eine Destillerie. Und beide kamen ins Geschäft: Nun brennt Sippel in seinem Unternehmen das überschüssige Bier von Lenhardt zu Schnaps. „Wir haben bislang 110 Fässer verbrennen lassen, die uns sonst bereits abgelaufen wären. Je nach Alkoholgehalt des Bieres, erhält man acht bis zehn Prozent des eingesetzten Bieres als reinen Alkohol.“ Ein Novum auch für Lenhardt. „Bislang konnte ich die Ware aus dem Lager immer verkaufen.“

Schnaps aus Bier: Das ist in Rheinland-Pfalz nicht die einzige Lösung für überschüssigen Gerstensaft. In Ludwigshafen zum Beispiel backt Jochen Brendel Brot aus Bier. Der Bäckermeister hat einer Gaststätte Bier abgekauft, das wegen des Lockdowns nicht in Trinkgläser fließt. „Mehr als 550 Liter habe ich seit Mitte Januar erworben, daraus sind bislang mehr als 800 Bierbrote geworden“, sagt der 33-Jährige. „Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber besser als nichts.“

Laut Statistischem Bundesamt haben die Brauer im vergangenen Jahr 5,5 Prozent weniger Bier als 2019 verkauft. Die deutsche Brauwirtschaft appelliert an Bund und Länder, „gezielt, entschieden und schnell“ mit Finanzhilfen gegenzusteuern. Ansonsten drohe vielen Brauereien die Insolvenz, heißt es in dem Offenen Brief. Es stünden nicht nur Arbeitsplätze auf dem Spiel, sondern auch „ein unwiederbringlicher Teil“ des gesellschaftlichen Lebens sei gefährdet.

In Freinsheim stehen die ersten Flaschen „Bierschnaps“ bereits im Regal. „Die erste Nachfrage hat uns überwältigt“, sagt Lenhardt. Doch der Schnaps war nur der erste Streich. Der zweite folgt im Spätherbst, wieder aus der Destillerie: Aus überschüssigem Bier wird
dann Whisky. „Ein Teil des angesetzten Brandes wird bis voraussichtlich bis November in einem Barriquefass lagern und dann als
Whisky in den Verkauf gebracht“, erzählt Lenhardt. Wobei – „Whisky“ darf das edel gebrannte Bier nicht heißen, der Name ist geschützt. „Technisch wird der Brand allerdings ausgebaut wie ein Whisky, jedoch nicht so lange gelagert“, erzählt der Unternehmer.
Verkaufen will er das Produkt als „Bierbrand im Barrique“. (mho/dpa)