Gasexplosion Ludwigshafen: Anwohnerversammlung in Oppau spült Emotionen an die Oberfläche

Zwei Tage nach dem verheerenden Gasunglück in Ludwigshafen rief der Oppauer Ortsvorsteher die von der Explosion geschädigten Anwohner zusammen. Die Emotionen kochten hoch, und einer der Anwesenden berichtete von seinen Beobachtungen am Unglückstag: Einer der Arbeiter in der Baugrube habe geraucht.

(rk) Die Stühle reichen nicht aus, als am Samstag Mittag um 15 Uhr die Bürgerversammlung im Alten Oppauer Rathaus beginnt. Ortsvorsteher Udo Scheuermann hat die Betroffenen der Gasexplosion eingeladen, um über den letzten Stand der Dinge zu informieren. Am Ende drängen sich an die 100 Personen im Saal im ersten Stock.

Der Ortsvorsteher informiert die Bewohner der beschädigten Häuser darüber, wie es um ihre Wohnungen steht. Dass beispielsweise die verkohlten und geschmolzenen Türen gesichert wurden und die Häuser damit jetzt vor Vandalen geschützt sind. Und dass einige Bewohner unter Aufsicht für kurze Zeit in ihre Wohnungen zurück konnten, um Kleidung zu holen. Die meisten haben möblierte, bezugsfertige Ersatzwohnungen bekommen, in denen sie die nächsten Wochen verbringen können. Aber nicht alle. Diejenigen, die auf die Schnelle nur in Hotels untergekommen sind, sollen künftig auch noch in Wohnungen der Luwoge und GAG vermittelt werden. Alle Kosten, die durch den Umzug in Notunterkünfte entstehen, beispielsweise zusätzliche Mieten, sollen über das Büro der Oberbürgermeisterin abgewickelt werden. „Niemand soll Mehrausgaben durch das Unglück haben“, so Scheuermann.

 

VIDEO: Frauke Hess mit weiteren Informationen aus der Anwohnerversammlung im Oppauer Rathaus

 

 

Gereizte Stimmung

 

Die Stimmung ist gereizt unter den Anwesenden. Immer wieder wird es laut im Saal. Der Frust will raus. Scheuermann gelingt es, die Menschen zu beruhigen. Es gibt viele Probleme – große und kleine. Und solche, an die man nicht sofort denkt. Der Postbote etwa habe ihn gefragt, wohin er jetzt die Briefe bringen solle, berichtet Udo Scheuermann. Die Antwort kommt vom Deutschen Roten Kreuz: Briefe und Pakete werden vier Wochen lang in der Poststelle Edigheim gelagert, können mit Ausweis abgeholt werden. Ebenfalls mit im Saal: Ludwigshafens Feuerwehrchef Peter Friedrich, Polizei-Pressesprecher Michael Baron, Notfallseelsorger Dr. Reinhard Herzog – und auch der Geschäftsführer der Gasleitungs-Betreiberfirma GASCADE, Christoph von dem Bussche. Sie alle wollen offene Fragen klären, Hilfe anbieten, aber auch Informationen erhalten. Die Polizei etwa will wissen, ob Augenzeugen kurz vor der Explosion Beobachtungen gemacht haben, die die Ermittlungen voran bringen können.

Applaus gibt es für die Leistungen der Feuerwehr. „Was diese Leute geleistet haben, ist jedes Lob wert“, ruft einer der Anwesenden in den Saal, ein anderer bedankt sich, dass ihn die Wehrleute mit einer Leiter aus der Wohnung herausgeholt haben. Umgekehrt bedankt sich Feuerwehrchef Peter Friedrich bei den Oppauern, die seine Truppe in allen Belangen unterstützt hätten.

 

Sorge um die Wohnungen

 

Was die betroffenen Bürger am meisten bewegt: Wann können sie – wenn auch kurz – in die Wohnungen zurück? Wie sich herausstellt konnten bei weitem nicht die meisten unter Aufsicht in die Häuser zurück. Das sollten sie auch nicht, sagt Peter Friedrich: Man solle sich nicht zu lange in den verrußten Räumen aufhalten. Lebensmittel sollten nicht verzehrt, Kleider gewaschen werden.

Ludwigshafens Bau-Dezernent Klaus Dillinger nährt die Hoffnung, dass in wenigen Wochen alle Wohnungen renoviert sind: „So schlimm das alles war, wir haben wohl noch Glück gehabt.“ Eine Fachfirma hat bereits begonnen, Dächer abzudichten. Wasser, Strom und Gas gibt es in den beschädigten Häusern noch nicht. Hausverwalter, Eigentümer und Mieter koordinieren, dass verderbliche Lebensmittel aus den Wohnungen geholt werden: „Wir wollen ja nicht, dass wir jetzt noch Kakerlaken dazu bekommen“, ruft jemand in die Diskussion.

GASCADE-Geschäftsführer Christoph von dem Bussche bedankt sich bei allen Helfern und Betreuern und er beteuert, dass seine Firma niemanden mit seinem Schaden alleine lassen wolle. Seine Firma hatte die Arbeiten, die letztlich zu der Explosion führten, beauftragt. Im Sinne einer schnellen Schadensregulierung habe sich seine Firma darum gekümmert, dass seit gestern Gutachter vor Ort seien, die alle Schäden aufnehmen, damit schnell Geld ausgezahlt werden könne.

 

Fragen an den Betreiber der Gas-Pipeline

 

Dann nimmt die Diskussion eine Wendung. „Bekommen wir irgendwann eine Antwort auf das Warum?“, will eine Zuhörerin wissen. Warum kam es zu dem Unglück? Warum brannte das Feuer so lange? Wurden die Sicherheitsschieber rechtzeitig geschlossen?

Die Schieber liegen 15 Kilometer auseinander, erklärt einer der Experten, einer liegt bei der BASF, der andere in Schifferstadt. Sie seien sofort geschlossen worden. Das Gas in der Leitung sei abgebrannt, und erst als der Druck gering genug war, konnte Stickstoff auf die Leitung gegeben werden. Dass es am Abend des 23. Oktober nach dem Hauptbrand noch einmal Gasalarm gab, lag an einer ebenfalls geschädigten TWL-Gasleitung. Aus ihr trat noch einmal Gas aus, deshalb wurde der Sicherheitskreis abermals erweitert, bis das Leck abgedichtet war, erklärte Peter Friedrich.

 

Hat ein Arbeiter in der Baugrube neben der Gasleitung geraucht?

 

Christoph von dem Bussche erläutert, dass nicht direkt an der Leitung gearbeitet worden sei – deshalb hätten die Bauarbeiten in der Nähe der Leitung, die unter Druck stand, dem Regelwerk entsprochen. Der Auftrag habe gelautet, die Leitung freizulegen, um sie von außen begutachten zu können. Ein Mann aus dem Publikum erwidert, er habe etwas anderes beobachtet – und dies auch der Polizei gemeldet. Die Arbeiten hätten nur wenige Zentimeter von der Leitung entfernt stattgefunden. Und: Er habe morgens einen Arbeiter gesehen, der an der Baustelle eine Zigarette geraucht habe. Die GASCADE-Vertreter ermutigen die Anwesenden, alle Beobachtungen an die Polizei weiterzugeben, damit die Ursache der Explosion zweifelsfrei geklärt werden könne.


VIDEO: Wurde in der Baugrube geraucht? Wir haben mit dem Augenzeugen gesprochen.





Ein Zuhörer will wissen, ob die Arbeiter richtig eingewiesen gewesen seien. Von GASCADE kommt ein klares „Ja“. Warum es aber zu der Detonation kam – darauf haben auch sie zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Antwort. Ob man eventuell aus der Leitung ausgetretenes Gas hätte riechen können, fragt einer der Zuhörer. Christoph von dem Bussche verneint: Das Gas, das in Leitungen wie dieser transportiert werde, sei geruchlos.

Wie es den Verletzten geht, will eine Zuhörerin wissen, und eine andere: „Wenn es eine Fachfirma war, die die Arbeiten an der Gasleitung durchgeführt hat – warum hieß es dann, dass die Identität des getöteten Arbeiters nicht geklärt ist?“ Feuerwehr-Chef Peter Friedrich windet sich. Dann sagt er vorsichtig: „Die Namen der betroffenen Arbeiter standen sofort fest. Aber das Verletzungsbild, die Schwere der Verbrennungen… sie waren so, dass es intensiver polizeilicher Ermittlungen bedurfte. Mehr möchte ich dazu bitte nicht sagen.“ Wie immer bei schweren Verbrennungen sei so kurz nach dem Unglück noch nicht klar, wie sich die Verletzungen entwickelten: „Wir können bisher nur sagen: Die beiden sehr schwer verletzten Arbeiter sind noch nicht über den Berg.“