Germersheim: Quarantäne in der «roten Zone» – Wie der Kampf gegen Corona begann

Unscheinbar steht das helle Militärgebäude mit der aufgemalten Zahl 4 im fahlen Licht der Wintersonne. Hier, in Germersheim, hat er in Rheinland-Pfalz begonnen: der Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. «Etwas, was man nicht sehen, schmecken, riechen oder fühlen konnte – also etwas, was sich all unserer Sinne entzieht, versetzte uns in Angst und hält uns weiter in Atem», meint Kai Kranich vom Deutschen Roten Kreuz im Rückblick.

Im Kampf gegen das Coronavirus, diesen «Feind ohne Gesicht», war der Kasernenblock 4 vor einem Jahr zu einem Symbol der Hoffnung geworden – der Hoffnung, dass sich die mysteriöse Krankheit nicht in Deutschland ausbreiten werde. Am 1. Februar 2020 brachte eine Sondermaschine der Bundeswehr mehr als 120 Deutsche und ihre Angehörigen aus der stark von Corona betroffenen Stadt Wuhan in China nach Deutschland. Vom Frankfurter Flughafen aus kamen sie in Bussen nach Germersheim. Die dortige Kaserne verfügt über ein geeignetes Gebäude zur Quarantäne.

Heute herrscht auf dem Areal wieder normaler Militärbetrieb. Damals aber standen alle Stellen vor schwierigen Aufgaben, wie sich Landrat Fritz Brechtel erinnert. «Es war ein in der Geschichte der Bundesrepublik einmaliger Vorgang, es war komplettes Neuland», sagt der CDU-Politiker. «Wir hatten nur zwei Tage Zeit, um alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen. So vieles musste zwischen verschiedenen Einrichtungen unter enormem Zeitdruck geklärt werden.»

Die Kaserne in Rheinland-Pfalz war gewählt worden, weil der Stützpunkt eines Luftwaffenausbildungsbataillons außerhalb der Stadt mit rund 25 000 Einwohnern steht. Zudem war Block 4 gerade erst fertiggestellt worden und somit neu und unbewohnt. Ein kleiner Raum mit Etagenbett und ein Badezimmer mit Handtuchwärmer: das war für die China-Rückkehrer zwei Wochen ihr Zuhause.

«Wir wurden ins kalte Wasser geworfen, weil wir uns weder inhaltlich noch personell in Ruhe vorbereiten konnten», erzählt Brechtel. «Aber auch die Menschen in Quarantäne befanden sich über Wochen in einer neuen, extremen Situation – isoliert in einer fremden Umgebung, in Kontakt mit der Außenwelt nur über digitale Medien.» Immer wieder spielten die Organisatoren verschiedene Krisenszenarien durch.

«Einige waren wirklich dazu geeignet, einem den Schlaf zu rauben. Was tun, wenn es zum Lagerkoller kommt? Was, wenn Krankheiten in der Quarantänestation ausbrechen sollten? Was, wenn der letzte Test am Tag der Abreise positiv ist? Wie reagiert die Bevölkerung?» Es habe durchaus einige kritische Momente gegeben, räumt der Landrat ein Jahr später ein, aber alle seien letztlich gut gelöst worden.

Deutschlandweit galt die Corona-Lage damals noch als recht entspannt. Es gab gerade einmal acht bekannte Infektionen, die alle im Zusammenhang mit einer Firma in Bayern standen. Von Lebensgefahr für die breite Bevölkerung sprach niemand, im Gegenteil – viele freuten sich auf die unmittelbar bevorstehende Fastnacht.

Und dennoch schwebte über der Quarantäne in Germersheim eine böse Vorahnung. Demonstrativ besuchte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Kaserne und mahnte: «Nach allem, was wir wissen, ist der Höhepunkt der Coronavirus-Ausbreitung nicht erreicht.» Bei zwei Rückkehrern wurde das Virus festgestellt, sie kamen von Germersheim in die Uniklinik Frankfurt und wurden dort Mitte Februar entlassen.

«Der Gedanke „Hoffentlich bleibt die Sache im Griff“ war dauernd präsent», sagt DRK-Mann Kranich, der damals in Germersheim im Einsatz war. Ein Gespräch sei ihm bis heute besonders in Erinnerung geblieben. «Einer der Rückkehrer war selbst Arzt und erzählte mir, warum er nach Deutschland zurück wollte. Er hatte gar nicht so viel Angst vor dem Virus, sagte aber, dass das Gesundheitssystem bei einer solchen Pandemie so gestresst wird, dass auch einfache Notfälle zum Problem werden können. Daran muss ich heute sehr oft denken, wenn ich sehe, wie auch unser Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt.»

Nach rund 14 Tagen hoben die Behörden am 16. Februar die Isolation für die Männer, Frauen und Kinder in der Kaserne auf. Weitgehend abgeschirmt von der Presse verließen die Menschen die «rote Zone» – der Begriff bezeichnete den Quarantäne-Block und das Areal um das Gebäude. Die Zone war abgesperrt und blieb Rückkehrern und Betreuern vorbehalten – darunter DRK-Helfer, die freiwillig mit in Quarantäne gegangen waren. Wohl keiner ahnte, dass Deutschland die wohl größte Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst noch bevorstand.

«Im Nachhinein muss ich schmunzeln über unsere Freude, als wir alle China-Heimkehrer und die eingeschlossenen DRK-Helferinnen und Helfer nach 14 Tagen als definitiv gesund nach Hause entlassen konnten», sagt Landrat Brechtel nachdenklich. Er habe damals gedacht, das Thema Corona sei vorerst beendet. «Im Nachhinein wissen wir, dass die Pandemie in Deutschland und weltweit erst richtig anfing und uns bis heute ununterbrochen im Griff hält. Und das in einer Art und Weise, wie es sich damals niemand hat vorstellen können.» Seitdem haben sich weltweit etwa 100 Millionen Menschen infiziert. Mehr als zwei Millionen starben, deutschlandweit gibt es mehr als 50 000 Tote. (dpa/kwi)