Handball: Rhein-Neckar Löwen auf der Zielgeraden abgefangen

Den Rhein-Neckar Löwen bleibt der ersten Meistertitel verwehrt: Nach einem dramatischen Spieltag feiert im Fernduell zweier deutscher Spitzenmannschaften der THW Kiel die Meisterschaft. In einer Entscheidung, in der das Torverhältnis den Ausschlag gab, fehlten den Löwen am Ende drei Treffer zum Sieg. Sie gewannen gegen den VfL Gummersbach zwar 35:40; zur selben Zeit fertigte Kiel zu Hause die Füchse Berlin allerdings mit 37:23 ab. Damit kompensierten die Nordlichter den Sieben-Tore-Vorsprung der Badener von vor der Partie. Erst gut fünf Minuten vor Ende der Spiele drehte Kiel das Fernduell zu seinen Gunsten. Bester Spieler der Rhein-Neckar-Löwen an diesem Nachmittag war Uwe Gensheimer, der mit 15 Treffern sein Team lange Zeit auf Meisterschaftskurs hielt. (rk)

 


 

Mehr zum Spiel haben die Kollegen von dpa zusammengetragen:

Sieger im Final-Wahnsinn: THW Kiel zum 19. Mal deutscher Meister

Packender konnte es nicht sein. Mit dem knappsten Vorsprung der Bundesliga-Geschichte hat der THW Kiel seinen 19. Meistertitel in der Handball-Bundesliga gewonnen. Mit zwei Toren Vorsprung verwies er die punktgleichen Rhein-Neckar Löwen auf Platz zwei.

Der Wahnsinn hat einen Sieger: Der THW Kiel ist zum 19. Mal deutscher Handball-Meister. Im packendsten Finale der Bundesliga-Geschichte holte der Titelverteidiger einen Sieben-Tore-Rückstand gegen die Rhein-Neckar Löwen auf und krönte eine spannende Saison. Kiel deklassierte am Samstag in eigener Halle die Füchse Berlin mit 37:23 (17:8), während zur gleichen Zeit die Löwen nur mit 40:35 (21:19) gewannen. Bei jeweils 59:9 Punkten hat Kiel nach 34 Spieltagen die um zwei Treffer besser Tordifferenz.

«Sowas habe ich noch nicht erlebt. Und ehrlich gesagt, ich hatte damit auch nicht gerechnet», sagte Kiels Trainer Alfred Gislason, der nach Schlusspfiff erstmal nur ungläubig guckte, weil er den Endstand in Gummersbach nicht kannte. «Ich dachte, das letzte Gegentor war unser Tod. Ich bin unglaublich stolz auf die Mannschaft, mit welchem Willen sie gekämpft hat», sagte der verschwitzte Coach dem TV-Sender Sport 1.

Während die Kieler wie im Rausch vor Freude durch die Halle rannten, waren in Gummersbach die Rhein-Neckar Löwen fassungslos. Statt des ersten Meistertitels blieb wieder nur die Verliererrolle. «Ich bin einfach total leer und am Boden zerstört», gestand Nationalspieler Uwe Gensheimer, «am Ende lag es daran, dass wir nicht das Maximum leisten konnten.»

Um 17.51 Uhr überreichte Holger Kaiser, Geschäftsführer des Ligaverbandes HBL, ein Duplikat der Meisterschale an Kiels Kapitän Filip Jicha. Das Original hatte die HBL nach Gummersbach gebracht. «Heute wird richtig gefeiert auf dem Rathausplatz», verkündete THW-Rückraumspieler Christian Zeitz.

Die Löwen setzten ihren Vollgas-Handball der letzten Spieltage von der ersten Minute an in der Schwalbe-Arena fort, um den Sieben-Tore-Vorteil gegenüber Kiel zu verteidigen. Gummersbach hielt zwar nach Kräften dagegen, konnte aber das Handicap des verletzt fehlenden Nationaltorhüters Carsten Lichtlein wegen eines Hexenschusses nicht ausgleichen.

Zur gleichen Zeit taten sich die Kieler in der heimischen Halle gegen die Berliner zunächst schwer. Auch ohne Spielmacher Bartlomiej Jaszka, der wegen Schulterproblemen ausfiel, und Rückraum-Ass Konstantin Igropulo bot der DHB-Pokalsieger dem Gastgeber Paroli. Vor allem dank der tollen Paraden von Torhüter Silvio Heinevetter waren die Füchse zunächst ein ebenbürtiger Kontrahent. Erst ab Mitte der ersten Halbzeit zog Kiel davon. Nach dem 9:6 (18.) enteilte der Titelverteidiger bis zur Pause auf 17:8 – und hatte zu diesem Zeitpunkt den Rückstand von sieben Toren auf die Löwen aufgeholt.

Denn die Mannheimer wurden mit zunehmender Spielzeit fahriger gegen die engagierten Gummersbacher. Vom Vier-Tore-Vorsprung beim 18:14 (22.) blieb zur Pause nur ein 21:19. Nach 30 Minuten im Saisonfinale hätte es erstmals zwei Entscheidungsspiele um den Titel gegeben. «Wir müssen jetzt wesentlich besser spielen und den Turbo einschalten, sonst wird es nichts mit dem ersten Meistertitel», sagte Löwen-Manager Thorsten Storm.

Die Mannheimer setzten die Forderung ihres Managers um. Bis zur 41. Minute setzten sie sich auf 29:21 ab. Doch auch Kiel drückte weiter aufs Tempo: In der 34. Minute lag der Rekordmeister mit 20:8 in Führung. Und keiner der Protagonisten ließ nach. Und Kiel drehte zum Ende richtig auf und wurde Meister.

 

 


 

Und die Pressemitteilung der Rhein-Neckar Löwen:

Der große Traum ist geplatzt

Die Rhein-Neckar Löwen haben die erste deutsche Meisterschaft verpasst: Die Badener gewannen zwar am Samstag mit 40:35 (21:19) beim VfL Gummersbach, aber der THW Kiel fing die Gelbhemden durch ein 37:23 gegen die Füchse Berlin im Fernduell noch ab. Unterm Strich weisen die Zebras nach Abschluss der Saison 2013/14 das um zwei Treffer bessere Torverhältnis auf.

Für Trainer Gudmundur Gudmundsson wäre der Titelgewinn die Krönung seiner Arbeit in den zurückliegenden beiden Jahren gewesen: „Es ist so unglaublich. Diese Mannschaft hat sich noch einmal weiterentwickelt.“ Aber für den 53-jährigen Isländer blieb das riesengroße Puzzle unvollendet, er wurde nicht belohnt für so viel Zeit, Akribie und Arbeit. Kapitän Uwe Gensheimer fasste die Gemütslage bei seinem Team zusammen: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin völlig leer. Es sah lange so gut aus, aber am Ende haben wir es irgendwie weggeworfen.“ Coach Gudmundsson sagte in der anschließenden Pressekonferenz: „Ich bin stolz auf diese Mannschaft, auf das, was sie die ganze Saison geleistet hat. Wir waren lange im Meisterschaftsrennen vorne, aber heute hat es nicht ganz gereicht. Das ist sehr, sehr bitter. Und eigentlich nicht mit Worten zu beschreiben.“ Manager Thorsten Storm: „Wir haben heute mit fünf Toren gewonnen und sind trotzdem die großen Verlierer. Es war heute wirklich sehr schwer, überhaupt in Gummersbach zu gewinnen.“ Aber Trainer und Geschäftsführer unterstrichen auch in dieser bitteren Stunde: „Nach dem Neuaufbau vor zwei Jahren haben wir Tolles geleistet. Das Team und das Team ums Team haben überragend gearbeitet. Vielen Dank dafür.“

Das Fotofinish um die Schale, das spannendste Bundesliga-Finale aller Zeiten – die Löwen gingen es mit der Entschlossenheit und Konzentration der zurückliegenden Wochen an. Nicht nur Gudmundsson wusste: „Eine sehr gute Abwehr und leichte Gegenstoßtore sind der Schlüssel zum Erfolg.“ Und genauso ging es los. Zumindest ab der fünften Minute, als Kim Ekdahl Du Rietz zur ersten Führung für die Badener verwandelte: 3:2 – das stand es in Kiel noch 0:0. Und die Löwen bauten den Vorsprung weiter aus: 7:3 durch Uwe Gensheimer. Auszeit VfL. 3:3 in Kiel. 9:5 durch Petersson (11.), parallel lag der THW knapp in Führung. Aber den Gelbhemden unterliefen Fehler, sie ließen einige sehr gute Chancen aus und die Oberbergischen kamen näher, in Unterzahl erzielte Schindler das 8:10 (13.). Auch die Zebras hatten im Fernduell gegen Berlin mit zwei Treffern die Nase vorn. Da markierte Santos den Anschluss zum 10:11 (16.). Wieder hatte der Außen einen Fauxpas der Badener ausgenutzt. Auszeit Löwen. Nach dieser konnten die Gäste wieder bis auf 18:14 (23.) davonziehen. Aber auch in Kiel machten die Zebras mächtig Dampf, lagen nach 25 Minuten mit 14:7 vorn. Und in der SCHWALBE arena folgten die Minuten der vergebenen Möglichkeiten für die Badener: Groetzki per Gegenstoß übers Tor, Gensheimers Siebenmeter landete nur am Pfosten. Und in der Abwehr klappt auch nicht viel, fehlte die letzte Konsequenz und Aggressivität. So schaffte der VfL den Anschluss, Schmid setzte mit dem Pausenpfiff wenigstens noch einen Treffer. Das 21:19 bedeutete den (Punkt- und Tor-)Gleichstand im Fernduell mit dem THW, der zur Halbzeit mit 17:8 in Front lag. Das Herzschlagfinale hatte längst noch einmal richtig Fahrt aufgenommen. Weil die Löwen bis dato zu wechselhaft agierten, zu viele Chancen liegen ließen und gerade in Überzahl nicht kompakt genug auftraten.

Die Frage lautete nun: Können die Löwen die Handbremse lösen? Gensheimer und Ekdahl Du Rietz sagten Jaaaaa. 26:19 – 5:0-Lauf. Und die Defensive stand nun besser, packte kräftig zu. Keeper Niklas Landin zeigte tolle Reflexe, seine elfte Parade. Auszeit Gummersbach. Aber die Gelben blieben auf dem Gaspedal. Nun war es ihr Spiel. Gut 700 Fans hatten die Löwen begleitet und wurden im Gummersbacher Hexenkessel von Beginn an zum achten Mann. Der Kapitän machte sein persönliches Dutzend voll: 29:21 (40.) durch Gensheimer. Die Badener hielten zunächst diesen Acht-Tore-Vorsprung, während Kiel mit elf gegen die Füchse führte. Der mit dem Ball tanzt: Gensheimer zum 34:26 – seinem 14. Treffer. Genial. Aber es nahte die nächste schwächere Phase der Gäste. In der Abwehr und im Angriff. Die Folge: Der VFL verkürzte auf 30:35 (51.). Das war einfach nicht mehr auszuhalten. Was für eine Dramatik! Der bange Blick auf den Liveticker. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen ging in die Schlussphase. Und wieder Gleichstand im Fernduell. Landin mit der 15. Parade, ein Siebenmeter von Santos. Aber in der Offensive passierten zu viele Fehler. Die Löwen scheiterten an Puhle im Tor oder warfen den Ball weg. Damit war der Titel futsch. Zwar waren zu diesem Zeitpunkt in Kiel noch rund eineinhalb Minuten zu spielen, aber der THW lag mit 14 Treffern vorne, die sie auch ins Ziel retteten. Die Badener verpassten damit den großen Coup um drei Tore. Spielmacher Andy Schmid: „Es ist schwer zu sagen, was ich jetzt fühle. Wir sind hierher gefahren, um die Schale zu holen. Wir wussten, dass Kiel noch einmal alles geben wird, am Ende hat es nicht gereicht für uns! Wir sind sauer auf uns selbst und sehr enttäuscht!“