Heidelberg: Düsteres Theater im „Faulen Pelz“

Der „Faule Pelz“ als Theaterbühne – dem inzwischen leerstehenden Gefängnis in der Heidelberger Altstadt wird für kurze Zeit neues Leben eingehaucht. Wenn die schwere Tür mit Wucht ins Schloss fällt, ist sie da – die Einsamkeit. Auch wenn grelles Neonlicht die etwa sechs Quadratmeter große Zelle erhellt, der Gemütszustand der meisten Theaterfreunde dürfte sich im Heidelberger „Faulen Pelz“, in dem noch bis 2015 Frauen inhaftiert waren, schnell verdüstern. Das einstige Gefängnis mit dem niedlichen Namen dient zurzeit als Bühne des städtischen Theaters in Heidelberg. An dem Stück, das hier aufgeführt wird – es heißt passenderweise „In Deinem Pelz“ – ist nicht nur der Spielort ungewöhnlich. Auch der Umstand, dass es keine Zuschauer im eigentlichen Sinne gibt, ist besonders. Vielmehr setzen sich die Besucher eine Stunde lang mit Ängsten, Beklemmungen und Wahrnehmungen auseinander, die ihrem tiefsten Inneren entspringen. Dazu werden sie von streng blickenden Wärterinnen durch die im 19. Jahrhundert erbaute Strafanstalt geschleust. „Das alles war ziemlich heftig“, findet Silvia Boschard. Die 60 Jahre alte Frau hat die Tour hinter sich und ist selbst verwundert, wie aufgewühlt sie diese Performance zurückgelassen hat. Auch ihr Mann Thomas – ebenfalls 60 – spricht von einer drastischen Erfahrung. „Das habe ich so nicht erwartet, das Gebäude hat eine Wirkung, die man sich als Außenstehender kaum vorstellen kann“ sagt er. Eine andere Besucherin findet das „Ganze total verrückt aber auch gut“. „Man muss es hier mit sich aushalten können“, sagt der Theaterkünstler Bernhard Mikeska, der gemeinsam mit seiner Kollegin Alexandra Althoff diese „szenische Installation“ für das Theater in Heidelberg konzipiert hat. Insgesamt 8 Schauspieler und 20 Statistinnen sind an dem Projekt im Schichtdienst beteiligt. Im Fünf-Minuten-Takt kommen die Zuschauer in das frühere Gefängnis. Die Nonstop-Performance dauert 32 Stunden. Mikeska und seine Mitstreiter setzen konsequent auf das Gefühl der Isolation. Und das wirkt. Erst geht in dem Knast mitten in Heidelberg das Zeitgefühl verloren. Dann die Gewissheit, sich frei entscheiden zu können. Immer wieder schließen uniformierte Wärterinnen Zuschauer weg. Etwa in eine Zelle, in der sich einige Minuten im Alltag einer früheren Gefangenen erleben lassen. Aber nur akustisch. Per Kopfhörer sind Toilettengang, ruhelose Schritte und schweres Atmen zu hören. Wie der Regisseur sagt, geht es bei „In Deinem Pelz“ um die Begegnung des Zuschauers mit sich selbst. Wie Inhaftierte eines echten Gefängnisses, so soll an diesem außergewöhnlichen Theaterabend auch der Zuschauer spüren, wie sich das Sein hinter dicken Mauern und Gittern anfühlt. Sich selbst spüren, sich im Abseits zurechtfinden. Im Gefängnishof macht der Stacheldraht die hohe Sandsteinmauer unüberwindbar. In einem Raum wartet eine Schauspielerin, die in Dialog mit dem neuen Zellennachbarn tritt. „Wie still es ist. In deiner Zelle. Wie du da stehst. Du hältst dich, so gut du kannst“, murmelt sie. Was soll man nur antworten? Ganz am Ende, wenn sich das Gefängnistor endlich wieder öffnet, fällt sie wieder ab, die beängstigende Einsamkeit. Aber dass es im eigenen Pelz ganz schön ungemütlich sein kann, das wird man so schnell nicht wieder vergessen. (dpa)