Landtagswahl: AfD punktet in Brennpunkten und holt zwei Direktmandate, unter anderem in Mannheim

Was haben Pforzheim und Mannheim gemeinsam, außer zwei AfD-Kandidaten mit Direktmandat für den Landtag? Die Arbeitslosigkeit ist in beiden Städten hoch, der Migrantenanteil erheblich. Beides kommt offenbar der AfD zugute.


 

Von Lena Müssigmann, dpa

Stuttgart (dpa/lsw) – Die Alternative für Deutschland (AfD) hat nicht nur deutlich mehr Stimmen bei der Landtagswahl geholt als alle Umfragen unkten. Mit Ergebnissen von mehr als 20 Prozent lassen die Rechtskonservativen in zwei Wahlkreisen sogar die Etablierten hinter sich und holen die Stimmenmehrheit. In Mannheim und Pforzheim nehmen sie so SPD und CDU das Direktmandat ab. In diesen beiden Städten in Baden-Württemberg ist die Arbeitslosigkeit höher als anderswo im Südwesten, es gibt Arbeitermilieus und einen beträchtlichen Migrantenanteil.

Noch bei der Landtagswahl 2011 konnten sich die Sozialdemokraten auf ihre Hochburg in der „Arbeiterstadt“ Mannheim verlassen. Im Wahlkreis Mannheim I, wo nun die AfD siegte, ging die SPD damals noch mit 34,2 Prozent der Stimmen als Gewinner aus dem Rennen. In Pforzheim hatte zuletzt Stefan Mappus (CDU) sein Direktmandat mit 44,5 Prozent der Wählerstimmen verteidigt. „Besonders im Nordschwarzwald, etwa in Pforzheim, Calw und dem Enzkreis, gibt es eine rechte Wählertradition, an die die AfD anknüpfen kann“, sagt AfD-Experte Alexander Hensel vom Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen. Die Partei sei für Abgehängte der Gesellschaft vermutlich deshalb so attraktiv, weil sie mit ihrem konservativen Programm Halt verspreche.

In Pforzheim etwa fand die AfD, die landesweit aus dem Stand heraus 15,1 Prozent bekam, auch in der deutsch-russischen Community viele Anhänger für das rechtskonservative Programm. Dazu komme, dass es sich um eine Hochburg des protestantischen Pietismus handle, meint Hensel. „Der befeuert Freund-Feind-Denken. Vor diesem Hintergrund verfängt das Angebot der AfD, das dieses Denken aufgreift.“

„Das war kein guter Tag für Pforzheim“, sagt Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager (SPD) zum Abschneiden der AfD. „Es muss jetzt endlich eine inhaltliche Auseinandersetzung aller Demokraten mit den Rechtspopulisten erfolgen.“ Die Republikaner hatten in den 90er-Jahren schon Erfolge im Nordschwarzwald gefeiert, die AfD erzielte bei der Europawahl in Pforzheim ihr bundesweit bestes Ergebnis.

Mannheim und Pforzheim litten in den vergangenen Jahren unter einem Strukturwandel, der viele Menschen in der Arbeitslosigkeit zurückließ. Die Arbeitslosenquote liegt in Mannheim bei 6, in Pforzheim bei 7,7 Prozent und damit weit über dem Landesschnitt von 4 Prozent. Warum die Partei für Enttäuschte und Abgehängte mit anhaltenden Verlustängsten so attraktiv ist, kann Hensel nur mutmaßen. „Konservative Familienstrukturen, Durchsetzung des Rechts, Betonung von Heimat und Nation – das gibt Halt und suggeriert Sicherheit.“

Insbesondere Nichtwähler konnte die AfD für sich begeistern – insgesamt rund 209 000 wie aus Berechnungen des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap für die ARD hervorgeht. In Pforzheim stieg die Wahlbeteiligung um gut 5 Prozentpunkte im Vergleich zur Landtagswahl 2011, und damit stärker als im Landesdurschnitt (+ 4,1). Im Mannheimer Norden war ein Plus von gut 6 Prozentpunkten zu registrieren – die Beteiligung in diesem Wahlkreis war 58,8 Prozent dennoch die schwächste im ganzen Land.

Wer sind die beiden Männer, die gepunktet haben? In Pforzheim ist Bernd Grimmer (65) als AfD-Fraktionschef im Gemeinderat bekannt. Der promovierte Volkswirt ist im Ruhestand, einer von drei Sprechern des AfD-Landesverbands und hat 24,2 Prozent der Wählerstimmen geholt.

Bernd Klos aus Mannheim erhielt 23 Prozent der Stimmen und verwies die SPD auf Platz zwei. Der 52-jährige Unternehmensberater stellt sich auf der Seite seines Kreisverbandes als Sohn eines heimatvertriebenen Sudetendeutschen und einer Italienerin vor.