Mannheim: Der Kampf um die Macht in der einstigen SPD-Hochburg

Es geht um die Ehre: Die SPD will bei der Landtagswahl ihre Bastion im Mannheimer Norden zurückerobern. Es wird eine harte Auseinandersetzung um das Direktmandat.

Von Julia Giertz (dpa)

Mannheim (dpa/lsw) – Stefan Fulst-Blei steht im Mannheimer Stadtbezirk Schönau vor einem Stein-Ensemble, das bei wärmerem Wetter Teil eines Wasserspiels wird. Auf dem Platz laden Bänke zum Verweilen ein. Der neue Ort der Begegnung wird von kleinen gepflegten Einzel- und Doppelhäusern gesäumt. «Das hier ist battle ground», sagt der Mann, der bei der Landtagswahl das Direktmandat für die SPD in ihrer einstigen Hochburg Mannheim Nord zurückerobern soll.

Ein «Kampfgebiet»? Hier? Ja, hier. Denn in diesem Stadtbezirk mit seinen 7800 Wahlberechtigten muss der gebürtige «Monnemer» und Fraktionsvize im Landtag punkten. Vor fünf Jahren lag er mit 27,1 Prozent der Stimmen im Schönauer Teil des Wahlkreises genau drei Punkte hinter seinem AfD-Rivalen Rüdiger Klos.

Der zuvor wenig bekannte AfD-Mann holte im ganzen industriell geprägten Wahlkreis Mannheim Nord 23 Prozent der Stimmen und damit das Direktmandat – das einzige neben dem seines Parteikollegen Bernd Grimmer in Pforzheim. Klos und Fulst-Blei lagen damals 400 Stimmen auseinander – ein Bruch der traditionellen Vormachtstellung der Genossen in diesem Wahlkreis mit seinen acht Stadtbezirken. Sein 2011 erlangtes Direktmandat konnte der Sozialdemokrat 2016 nicht verteidigen.

Fulst-Blei, der damals mit 22,2 Prozent immerhin das beste Ergebnis für die SPD (Land: 12,7 Prozent) einfuhr, hat in Schönau ein Wahlkreisbüro an der Grenze zwischen den Eigenheimen und Wohnblocks. Aber auch da kein abgeblätterter Putz, keine Schmierereien oder Abfallhaufen, die frustrierte Schönauer in die Arme der AfD treiben könnten. Wer in der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs Zeichen von Armut finden will, der muss nach Neckarstadt-West gehen, ebenfalls Teil des Wahlkreises.

Der Platzhirsch von 2016 und derzeitige Rechtsexperte der AfD-Landtagsfraktion Klos meint: «Die Zeiten, in denen die SPD hier einen rot gestrichenen Zaunpfahl hätte aufstellen können, um gewählt zu werden, sind vorbei.»

Aber warum wandten sich damals so viele Wähler von der SPD ab? Fulst-Blei kann sich den Erfolg der «Wölfe im Schafspelz» – wie er sie nennt – nur mit der Aufnahme von 10 000 Flüchtlingen in die damals freien Kasernen der Stadt erklären. Das habe zu Verunsicherung und Angst geführt. «Das war eine Protestwahl, ein Aufschrei – die AfD ist aber keine Protestpartei mehr, sondern klar rechtsextrem.» Der 52-Jährige erwartet zwar ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Aber auch die Grünen mit 21,9 Prozent 2016 sind dem umtriebigen Bildungspolitiker auf den Fersen.

Das SPD-affine Arbeitermilieu verkörpert Stefan Höß. Er hat es vom Maschinenschlosser über ein Studium zum Betriebswirt und ab Mai zum stellvertretenden Betriebsratschef des Mercedes-Benz-Werkes im Stadtbezirk Waldhof gebracht. Höß mahnt die Politik, vermeintlich kleine Probleme wie die Belastung der Familien während der Pandemie zu erkennen und zu mildern. «Vor Ort sein und zuhören, das ist wichtig.»

Trotz etlicher Global Player wie der Pharmafirma Roche und dem Zugbauer Bombardier sieht Höß einen Strukturwandel zur Dienstleistung voraus. Beim «Benz» mit seinen 8600 Mitarbeitern gebe es zwar eine Beschäftigungsgarantie bis 2029, aber durch Fluktuation und Abfindungen würden etwa 20 Prozent der Jobs bei dem Hersteller von Lkw-Motoren verloren gehen. Solche Entwicklungen ließen die Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen. Die mit 7,8 Prozent relativ hohe Arbeitslosenquote zeigt, dass solche Ängste der Mannheimer nicht unbegründet sind.

Nach dem Rückzug von Rüdiger Klos aus Mannheim hat Fulst-Blei einen neuen Rivalen von der AfD: Robert Schmidt, der die Karte innere Sicherheit ausspielt. Der Reiz der Vielfalt der Stadt mit einem Migrantenanteil von 45 Prozent verblasse, heißt es auf seiner Website. «Stadtteile verwahrlosen, die Infrastruktur bröckelt, Kriminalität und Drogenhandel grassieren. Man kann sich nicht mehr nachts bedenkenlos auf die Straße trauen.»

So weit ist es nach Ansicht von Thorsten Riehle, Geschäftsführer des Eventhauses «Capitol», noch lange nicht. «Man darf nicht die Augen vor den Problemen in der Neckarstadt-West verschließen, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben.» Aber Polizei und Ordnungsdienst seien im Viertel präsent und ansprechbar. «Ein Sicherheitsrisiko besteht nicht», sagt Riehle, den ganz woanders der Schuh drückt. Sein Team habe vom Kurzarbeitergeld profitiert. «Aber jetzt brauchen wir eine Öffnungsperspektive, eine Marschroute.» Wer auch immer das Direktmandat in Mannheims Norden erringe, so Riehle, der müsse dann in Stuttgart Hilfe für die vielen notleidenden Kulturbetriebe mobilisieren.