Mannheim: Flüchtlingskinder üben Radfahren

Sie bekommen Räder geschenkt, aber wissen nicht, worauf sie im Straßenverkehr achten müssen: In Mannheim üben Flüchtlingskindern in der Verkehrsschule der Polizei das Radfahren.

Mannheim (dpa/lsw) – Kaum sitzt es auf dem Rad, kippt das kleine Mädchen schon um. Aber: Nicht verzagen, wieder aufsteigen und weiter geht’s! Denn heute wird geübt. In der Jugendverkehrsschule der Mannheimer Polizei geht es um Verkehrsregeln. Handzeichen kommen dabei gleich doppelt zum Einsatz, denn auch «Lehrer» Karl Braun benutzt Hände und Füße. Vor dem Polizeioberkommissar stehen nämlich – mit Fahrrädern und Helmen ausgestattet – Flüchtlingskinder aus Schriesheim (Rhein-Neckar-Kreis), von denen viele erst seit wenigen Monaten in Deutschland sind. Braun erklärt ihnen, wann sie Vorfahrt haben, dass man an einer roten Ampel wirklich stehen bleiben muss – und worauf sie sonst im Verkehr achten sollten.

Die Mitarbeiter der Jugendverkehrsschule organisieren das Radfahrtraining gemeinsam mit dem Mannheimer Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Vier bis 13 Jahre sind die Kinder alt, kommen aus Syrien, aus dem Irak, aus Serbien. Sie brausen über den Übungsplatz. «Langsam, langsam!», ruft Dienststellenleiterin Tanja Ambacher. Und: «Rechts fahren!» Sie benutzt dabei Handzeichen, die auch ohne dieselbe Sprache unmissverständlich sind. Sofort lenkt der Junge an den rechten Rand der Fahrbahn.

Im Alltag sieht das manchmal etwas gefährlicher aus: «Ein Kind saß auf dem Gepäckträger, eines im Einkaufskorb vorn am Rad, das dritte ist gefahren – und dann den Hang hinab.» Immer wieder hatten Nachbarn der Flüchtlingskinder den Helfern vom DRK von solchen gefährlichen Aktionen berichtet, sagt Bernd Böttinger vom Roten Kreuz. Man habe sogar befürchtet, man müsse den Kindern die Räder, die sie von hilfsbereiten Menschen aus der Bevölkerung bekommen hatten, wieder abnehmen. Dann aber entschied das DRK, gezielt zu helfen – und holte die Jugendverkehrsschule ins Boot.

Ein DRK-Helfer stützt die kleine Eva, die noch nicht allein Radfahren kann. Währenddessen fährt Tanja Ambachers Tochter Lara vor den größeren Kindern und zeigt ihnen, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten sollten. Die 14-Jährige unterstützt das Polizeiteam bei dem besonderen Einsatz.

Regional gibt es immer wieder derartige Aktionen, weiß der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). «Dieses Engagement verschafft Kindern in einer schwierigen Lebenssituation ein Stück Freiheit und Selbstvertrauen», betont Sprecher René Filippek. Andreas Linder, Geschäftsführer des baden-württembergischen Flüchtlingsrats, lobt das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamtlichen: «Genau das trägt zum Erfolg bei.» Linder spricht aktuell sogar von einem «Boom in der Flüchtlingshilfe». Und auch der Mannheimer DRK-Kreissozialleiter Böttinger berichtet von großem Interesse an der ehrenamtlichen Arbeit mit Asylsuchenden.

Sladjan steigt kurz ab, die Ampel ist ja eh gerade rot. «Es macht viel Spaß hier», sagt der Zehnjährige aus Serbien. Eigentlich, findet er, kann er das schon gut, das Radfahren. Bereits im November hatten sich Polizei und DRK bei einem Geschicklichkeitstraining um die kleinen Radfahrer gekümmert. Diesmal klappt einiges schon viel besser, versichern die Betreuer. Während die Kinder auf den Rädern der Jugendverkehrsschule ihre Runden drehen, denkt Tanja Ambacher schon weiter: An andere Flüchtlingskinder, an ein richtiges Konzept. Und ihr Team will die Räder der Schriesheimer Gruppe bald auf Verkehrssicherheit überprüfen. Bis zum nächsten Termin fährt vielleicht auch die kleine Eva schon ganz ohne Hilfe. (Anne Jeschke, dpa)