Mannheim: „Theater der Welt“ prangert Doppelmoral im Umgang mit Flüchtlingen an

Flüchtlinge verdienen einen Umgang in Würde – daran lässt Schriftstellerin Elfriede Jelinek keinen Zweifel. In ihrer Theater-Performance «Die Schutzbefohlenen» übt sie harte Kritik an Europa. Dabei stehen auch echte Flüchtlinge auf der Bühne.

Mannheim – Am Ende waren die Zuschauer entsetzt, nachdenklich und aufgewühlt. Zu Beginn des 17-tägigen Festivals «Theater der Welt» am Mannheimer Nationaltheater sorgte die Uraufführung der Theater-Performance «Die Schutzbefohlenen» nach einem Text der österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am Freitagabend für viel Gesprächsstoff. In der Inszenierung von Nicolas Stemann wurde die Doppelmoral angeprangert, mit der wir Europäer mit Flüchtlingen und Asylsuchenden umgehen. Die Zuschauer waren begeistert.

Die zunächst fast leere Bühne verwandelt sich im Laufe der knapp zweistündigen Aufführung mit multimedialen Elementen und Live-Musik zu einem Stacheldraht-Mauer-Areal, das die «Festung Europa» symbolisiert. Zunächst übernehmen drei Schauspieler die Rolle der Flüchtlinge, bis diese schließlich von richtigen Migranten mit ihrer Fluchtgeschichte abgelöst werden. Das Stück ist insgesamt eine Anspielung auf Protestaktionen von aus Pakistan stammenden Flüchtlingen, die im Herbst 2012 in Wien die dortige Votivkirche besetzten und ein Bleiberecht und die Erlaubnis zur Arbeit forderten.

Im Theater erhalten die richtigen Flüchtlinge neben Respekt auch ihre Menschenwürde zurück. Sprechchöre und Einzelbeiträge in geschliffener Sprache wechseln sich immer wieder ab. So werden individuelle Lebensschicksale geschildert, und es wird klar, wie fremd die deutsche Kultur für Fremde sein muss. In den wenigen aber dafür umso kraftvolleren Spielszenen geht es um den täglichen Rassismus. So mutiert im Schlager-Einschub «Man wird ja wohl noch Schubsen dürfen» plötzlich ein toleranter Gutmenschen zum Neider und Ausländerfeind.

Am Beispiel der Einbürgerung der Sängerin Anna Netrebko und der Tochter von Boris Jelzin in Österreich will Jelinik zeigen, wie in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder Unterschiede zwischen dem Wert verschiedener Menschen gemacht werden. Einprägsam ist deshalb der Vorwurf, dass Politiker zwar bei jedem China-Besuch die fehlenden Menschenrechte erwähnen, in Europa aber die politischen Institutionen ihrer Meinung nach beim Flüchtlingsthema versagen.

Elfriede Jelinek plädiert durch die auftretenden Protagonisten für einen vorurteilsfreien Umgang mit den Migranten. Sie stellt aber ebenso fest, dass dieses Wunschziel vor allem in ihrer österreichischen Heimat eher eine Utopie ist. Auch deshalb gibt es in der Performance viele provokante Einschübe wie das erschütternde «Bärli»-Lied am Schluss. Darin werden die vor der italienischen Insel Lampedusa ertrunkenen Kinder besungen. Als auf einer Leinwand Fotos der Kindersärge mit kleinen Plüschbären erscheinen, erreicht die Flüchtlings-Tragödie mit sichtbar entsetzten Zuschauern ihren Höhepunkt.

Das Festival «Theater der Welt» geht bis zum 8. Juni. Mehr als 30 Produktionen aus aller Welt werden gezeigt. Das Festival findet seit 1981 meist im Turnus von drei Jahren in unterschiedlichen deutschen Städten statt. (dpa/lsw)