Montpellier: Rhein-Neckar Löwen und Montpellier „vereint gegen den Terror“

Es war ein emotionaler Augenblick, der jedem in der Arena unter die Haut ging. Die Spieler der Rhein-Neckar Löwen und von Montpellier HB standen vor der Champions-League-Partie in blauen, weißen und roten T-Shirts auf dem Feld und symbolisierten die französische Nationalflagge, als die Marseillaise erklang und 6000 Zuschauer mitsangen. „Wir standen da wie eine Mannschaft“, lobte der sichtlich mitgenommene Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen den Zusammenhalt, den die beiden Handball-Teams nach den verheerenden Terroranschlägen von Paris demonstrierten.
„Gänsehaut“, spürte Uwe Gensheimer, der im Sommer zu Paris Saint-Germain wechselt. Der Kapitän des Bundesliga-Spitzenreiters hoffte, „dass wir unserer Vorbildfunktion gerecht geworden sind und
gezeigt haben, dass wir als Sportler vereint gegen den Terror stehen“.
Die Löwen gewannen die richtungsweisende Begegnung beim französischen Vize-Meister mit 30:28 (16:15) und machten in der Vorrundengruppe B am Sonntag einen großen Schritt Richtung Achtelfinale. Trotzdem jubelten sie nicht. „Das war ein merkwürdiges Spiel. Natürlich möchte man gewinnen, wenn angepfiffen wird. Aber es ist gerade nicht einfach, über Sport zu reden“, sagte Jacobsen. Geschäftsführer Lars Lamadé fasste die zwiespältigen Gefühle so zusammen: „Wir haben zwei Punkte, das ist schön. Aber freuen kann ich mich nicht.“
Montpellier HB hatte sich indes ausdrücklich gewünscht zu spielen. Eine Absage, erklärte der französische Vize-Meister, „wäre auch ein Sieg gewesen für die Initiatoren dieser unbeschreiblichen Taten, die ein Klima von Furcht und Angst auslösen wollen“. Doch genau diesen Triumph wollten beide Vereine den Tätern nicht gönnen, sondern den Opfern durch die Austragung der Begegnung eine angemessene Ehre erweisen. „Es war klar, dass wir kommen, wenn Montpellier das möchte“, stellte Lamadé klar – auch wenn sich die Löwen mit einem „mulmigen Gefühl“ auf den Weg ans Mittelmeer machten. „Wir wussten nicht genau, was uns erwartet. Die Reise war nicht einfach, aber wir haben uns nicht ein einziges Mal unsicher gefühlt“, sagte Gensheimer. Schon auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen sprach Jacobsen von einer komischen Atmosphäre im Mannschaftsbus. Die sonst üblichen Mitteilungen der Spieler in den sozialen Netzwerken blieben aus. Normalerweise stellen sie Bilder online, schicken Grüße aus dem Bus, dem Flugzeug, dem  Mannschaftshotel. Doch an diesem Wochenende war alles anders.
Angesichts der traurigen Umstände fiel es den Nordbadenern erwartungsgemäß schwer, sich zu 100 Prozent auf den Sport zu konzentrieren. Der Vize-Meister offenbarte lange Zeit ungewohnte Probleme in der Abwehr. Erst in der Schlussphase erspielten sich die Löwen dank ihres überragenden Torhüters Richard Stochl den entscheidenden Vorsprung. „Meine Spieler hatten nicht verinnerlicht, was wir vor der Begegnung abgesprochen hatten. Da waren viele andere Dinge in ihren Köpfen“, zeigte Jacobsen Verständnis für die nicht ganz fehlerfreie Vorstellung seiner Mannschaft, die für ihr Verhalten
auf und neben dem Platz allerdings viel Anerkennung erhielt.
„Ich bin stolz auf die Mannschaft, wie sie die gesamte Situation gemeistert hat“, sagte Lamadé. „Wieder einmal haben die Jungs Charakter gezeigt. Aber so kennt man sie. Sonst würden sie nicht nach
zwei knapp verpassten Meisterschaften immer noch jeden dritten Tag eine Topleistung abrufen.“ Montpelliers Trainerlegende Patrice Canayer bedankte sich: „Die Löwen haben uns geholfen, unsere
Botschaft in die Welt hinauszutragen. Wir haben gezeigt, dass wir standhaft bleiben.“(dpa/lsw)