RNF-Kameramann Alex Scheuber erlebte den Terror von Paris im „Stade de France“

Alexander Scheuber ist freier Fotograf und Kameramann für RNF. Bis vor wenigen Wochen war er als DHBW-Student festes Mitglied unserer Redaktion. Zur Zeit der Anschläge von Paris fotografierte er im Stade de France und erlebte die Panik und die Wirren in den ersten Stunden nach dem Terror hautnah. Die Kollegen der Weinheimer Nachrichten/Odenwälder Zeitung, für die er häufig fotografiert, chatteten mit ihm ausführlich via Facebook. Den Artikel, der daraus entstand, haben sie uns zur Verfügung gestellt. Er erschien zuerst auf WNOZ.de.

„Es herrscht Schockstarre in Paris“

Von Sarah Hinney, Weinheimer Nachrichten
Bilder: Alexander Scheuber, zzt. Paris

Paris/Region. „Als wir gestern Abend aus dem Stadion raus sind, war eine ganz merkwürdige Stimmung. Wir sind rund um das Stadion gelaufen. Es klingt blöd, aber Du hast in diesem Moment keinem einzigen Menschen getraut. Alle haben Abstand gehalten, jeder hat einen großen Bogen um den anderen gemacht“, schreibt Alexander Scheuber unserer Redaktion heute Morgen via Chat.

Scheuber gehört zum Fotografenteam unserer Zeitung. Gestern Abend, während des Fußballländerspiels Deutschland gegen Frankreich war er in Paris im Stadion – direkt am Spielfeldrand – als zwei laute Explosionen zu hören waren. Was sich für die Fernsehzuschauer anhörte, als seien ein paar harmlose Böller gezündet worden, war vor Ort unvergleichlich lauter. So laut, dass Scheuber zuerst dachte, die Explosion habe direkt im Stadion stattgefunden.

Heute wissen wir, es war im Umfeld des Stadions, wissen, dass in der gesamten Stadt an mindestens sechs Orten Menschen erschossen, Sprengsätze gezündet, Geiseln genommen wurden. Heute wissen wir auch, dass die Bombe – die im Stadion zu hören war – genau in jenem Restaurant explodierte, wo Alexander Scheuber exakt 24 Stunden vorher noch entspannt gesessen hatte.

Gestern Abend wusste er von alledem nichts. Sämtliche Nachrichtenkanäle waren überfordert. Die meisten Informationen kamen über den Nachrichtendienst Twitter. Auch hier wechselten die Informationen über die Zahl der Opfer aber im Minutentakt. Erst war von 18 die Rede, später 40, heute Morgen schreibt Spiegel Online von mindestens 127 Opfern.

„Die Kontrollen im Vorfeld waren sehr stark“, schreibt uns Scheuber über die Situation vor dem Fußballspiel: „Am Stadioneingang wurde jeder mit einem Detektor kontrolliert. Das selbe Prozedere gab es im Hotel.“ Es sei extra Sicherheitspersonal nur für die Kontrollen vor Ort gewesen.

Sämtliche Fotografen mussten ihre Koffer öffnen. Scheuber war im Auftrag von einer Sportfoto Agentur aus Karlsruhe und GES Sportfoto beim Länderspiel in der französischen Metropole.

Die Bilder aus dem Stadion gestern Abend waren beklemmend. Der Moderator, der fassungslos die ersten Informationen über die Anschläge weitergab, zwischendurch das Spiel kommentierte, die Fußballspieler, die nichts von den Geschehnissen mitbekamen und einfach weiterspielten. Später, die Menschen, die auf den Rasen des Stadions strömen, telefonierten, weinten, ratlos, fassungslos und teilweise panisch waren.

Kurzfristig schloss Frankreich gestern Abend sämtliche Grenzen. Niemand wusste, wie es weiter geht. Inzwischen sind die Grenzen wieder offen, aber es finden Kontrollen statt. Das Auswärtige Amt teilt mit: „Die französische Regierung hat den Ausnahmezustand erklärt.“ Öffentliche Gebäude in Paris sind geschlossen.

Wie ist die Stimmung an diesem Morgen in der französischen Hauptstadt? Alexander Scheuber schreibt uns: „In Paris sind überall Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge unterwegs. Am Gare de L’Est patrouilleren Soldaten. Die Stimmung ist im Großen und Ganzen ruhig. Es herrscht so eine Art Schockstarre.“

Die Ruhe kann aber innerhalb von Sekunden vorbei sein, wie die Szene zeigt, die Scheuber heute Morgen am Pariser Bahnhof beobachtet hat: „Eben war da ein Mann, der laut gerufen hat und die Soldaten angeschriehen. Da stand er dann plötzlich von Soldaten umzingelt. Für 30 Sekunden war die Situation wahnsinnig angespannt, dann ist er weitergelaufen. Alles war vorbei.“

Alexander Scheuber sitzt in diesen Minuten im Zug, der ihn zurück in seine Heimatstadt Mannheim bringt. Er schreibt auf seiner Facebookseite: „Dieser Tag wird die Gesellschaft weltweit verändern und mich persönlich ebenfalls.“