Rülzheim: Straußenfarm lockt Touristen

Strauße in der Pfalz – das klingt ja wie Saumagen auf Hawaii, exotisch und irgendwie absurd. Was Uschi Braun und Christoph Kistner im Südwesten Deutschlands aufgebaut haben, ist aber mittlerweile etabliert und zieht sogar Touristen aus dem Ruhrgebiet in das südpfälzische Rülzheim im Landkreis Germersheim. Denn das Ehepaar bedient eine Nische, in der sich wenige behaupten. Seit 2007 gibt es die Straußenfarm „Mhou“. 20 Zuchtfamilien mit je einem Hahn und bis zu vier Hennen leben auf dem 13 Hektar großen Gelände mit Afrika-Flair. Es gibt Gehege mit Weidewiesen, eine Brutstation, Kinderstuben.vor allem die possierlichen Küken, die
noch unkoordiniert im Gehege über die eigenen Beinchen stolpern, entzücken die Besucher bei Führungen. Der Anblick der lebenden Tiere hält die wenigsten Gäste davon ab, im Farmladen Straußenfett-Creme, Deko-Straußeneier, Tierfutter aus Innereien und die unausweichlichen Feder-Staubwedel zu erbeuten. Oder sich im angeschlossenen Restaurant einen Straußenbraten zu bestellen. Das Fleisch erinnert an Rind und soll gesund sein. Beliebt ist es allemal. „Wir haben eine Nachfrage, die wir nicht im Entferntesten bedienen können“, seufzt Kistner. Die Mhou-Farm macht den Angaben zufolge immerhin etwa 50 Prozent ihres Umsatzes mit dem Fleischverkauf. Geschlachtet wird nicht in der Pfalz. Solange die Tiere wenige Wochen alt sind, werden sie von anderen Farmern abgeholt. Bis zu 35 Küken werden dann in mit Decken gepolsterten Kisten auf ihre neuen Weiden transportiert. Das sei für die Tiere stressfrei, meint Braun. Mit etwa einem Jahr und rund 100 Kilo auf
dem Vogelgerippe fällt das irdische Dasein der Laufvögel kurz aus. Das Fleisch und weiterverarbeitete Produkte gehen zurück nach Rülzheim. Rund 200 „Straußen-Adressen“ hat Kistner in seinem Deutschland-Verzeichnis. Er schätzt aber, dass davon nur rund 15 tatsächlich als Farmen durchgehen. Weil gute große Flächen in Deutschland und schon gar nicht in der „kleinteiligen“ Pfalz zu finden seien. Mindestens 1000 Quadratmeter verlangt das Agrarministerium pro Straußentrio. 2500 der Verband, dem Kistner und Braun angehören. Denn Kistner und Braun legen Wert auf artgerechte Haltung. Anfangs, so Kistner, seien sie ob ihrer Bemühungen von anderen Züchtern belächelt worden. Mittlerweile wird Kistner als Sachverständiger zu Prozessen geladen, wenn es darum geht, ob ein Landwirt nun artgerechte
Bedingungen bietet oder nicht. Der Deutsche Tierschutzverband lehnt die Haltung von Straußen als Nutztiere in Deutschland ab. Wie der Verein in einer Pressemitteilung erklärt, könnten die Vögel in unseren Breiten nicht artgerecht gehalten werden. Das nasskalte Klima mache ihnen zu schaffen. Die Mhou-Farmer sind da anderer Meinung: Solange man ihnen einen Unterstand biete, könnten es die Vögel sogar im Schnee aushalten. Den Tierschützern geht es jedoch ums Prinzip: Ob es überhaupt notwendig ist, solche Wildtiere für die Fleischgewinnung in Deutschland zu halten, fragen sie und fürchten, dass eine Etablierung von Straußenfleisch auf dem Markt zu einer intensiveren Haltung führt. Bedenken, die dem ehemaligen Journalisten Kistner nicht fremd sind: „Es klingt schizophren, aber ein Tier zu schlachten, von dem ich weiß, dass es gut gelebt hat, das kann ich verkraften.“ (dpa/mho)