Sinsheim: Von Metzger-Theke auf Model-Laufsteg

Ein Metzger aus Sinsheim träumt von einer Model-Karriere. Erste Erfahrungen hat er schon – mit einem Metzger-Kalender. Wer an einen Fleischer denkt, dem kommt nicht unbedingt ein Model-Typ in den Sinn. Doch in Deutschlands Fleischereien steht so mancher Beau, für den eine Karriere vor der Kamera das Größte wäre – und der vielleicht sogar das Zeug dazu hätte. Einer von ihnen ist der 21-Jährige Can Aktas aus Sinsheim im Rhein-Neckar-Kreis. Seit er für einen Metzger-Kalender abgelichtet wurde, ist seine Leidenschaft geweckt – er träumt von einem
Hugo-Boss-Vertrag. „Ich könnte mir das sehr gut vorstellen, es wäre so etwas wie ein Traumberuf“, sagt der Metzger und Verkäufer-Azubi. „Ich hoffe, dass was Großes kommt, aber ich habe keine Erwartungen.“ Seine Chefin habe ihn auf die Idee gebracht, sich für das Kalender-Shooting zu bewerben, erzählt er. Nun ist er mit freiem Oberkörper für die Monate April und August 2015 zu sehen. Der Kalender hängt auch an seinem Arbeitsplatz, neben der Fleischtheke.
„Er hat sich schon immer gern präsentiert“, sagt Inhaber Kurt Steinbrenner. „Die jüngeren Kundinnen schauen schon auf ihn. Wir haben aber dadurch nicht mehr Kundschaft.“ Einen Liebesbrief hat Aktas als Resonanz auf den Kalender immerhin schon bekommen. Das Image des Metzgers könnte aus Sicht des Deutschen Fleischer-Verbandes besser sein, da schade so ein Kalender mit attraktivem Personal nicht. „Wir finden es eine ganz nette Aktion, aber ob es insgesamt das Image des Fleischers ganz dramatisch verändern kann, das weiß ich nicht“, sagt Hauptgeschäftsführer Martin
Fuchs. Viele Menschen hielten den Beruf für vergleichsweise einfach, verbunden mit Muskelkraft und eher schmuddelig. „Dabei geht es um Köpfchen, den Umgang mit Menschen und Kreativität. Es ist durchaus auch ein Beruf für Leute, die gern kräftig zupacken, aber das ist nur eine Facette.“ Ein gepflegtes Äußeres sei sicher von Vorteil.
Steinbrenner blickt mit gemischten Gefühlen auf das Hobby seines Azubis. „Wenn es jetzt ein Sprungbrett für ihn wird, ist es okay, aber wenn er wieder auf eine tiefere Ebene fällt, wäre es schon ein Problem.“ Aktas hat sich vorgenommen, auf dem Boden zu bleiben. „Ich will normal rüberkommen, nicht überheblich oder abgehoben.“ Modeln ist für ihn eine ganz neue Erfahrung. „Ich war erst mal baff, wie viele Menschen daran mitarbeiten, dass solche Fotos entstehen.“ Es
sei nicht so einfach, wie es aussehe. „Um manche Pose lange zu halten, tut einem ganz schön das Bein weh.“ Er sei der Jüngste und mit 1,75 Meter der Kleinste unter den acht Metzgern beim Shooting gewesen. Auf eine Laufsteg-Karriere zu hoffen, hält er wegen seiner Größe für unrealistisch. Aber regelmäßige Fotoshootings kann er sich schon vorstellen. „Unterwäsche, Parfüm, Badehose, eigentlich egal“, sagt er und lacht. Can Aktas investiert viel Zeit in Körperpflege: Die Haare müssen sitzen, das ist ihm wichtig, seine Augenbrauen lässt er sich regelmäßig zupfen. „Wenn alles kreuz und quer wächst, das passt einfach nicht mehr in unsere Zeit“, sagt er. Auch seinen Körper möchte er jetzt mehr in Form bringen. Bis vor ein paar Wochen habe er noch gar keinen Sport getrieben. „Es könnte etwas besser sein“, sagt er mit Blick auf seine Arme und Brust. „Sobald man mit irgendwas zufrieden ist, hört man auf, für Höheres zu kämpfen.“
Die Fleischerei Reinert sucht derzeit Metzger-Models für den Kalender 2016. Die Bewerbungsfrist läuft bis Ende Mai. „Mit den Bildern wollen wir den Menschen zeigen, dass es ein moderner Beruf mit modernen Menschen ist“, sagt Jury-Mitglied Nicole Steinhanses. „Bei der Auswahl schauen wir, ob das Gesicht Ausstrahlung hat – und natürlich spielt auch der Körperbau eine Rolle. Wir wollen für jedes Alter etwas dabeihaben.“ (mho/dpa)