Speyer: Evangelische Kirche streitet über Kunstprojekt

Seiten aus alten Bibeln heraustrennen und auf eine Kabeltrommel spannen: Ein Kunstprojekt, das eigentlich verbinden soll, trennt ausgerechnet im Jubiläumsjahr Gegner und Befürworter in der
Evangelischen Kirche. Wie geht man würdig um mit dem Buch der Bücher? Darüber ist in der Pfalz ein Streit entbrannt.

Es ist das am häufigsten gedruckte Schriftwerk der Welt. Präsidenten legen beim Amtseid ihre Hand darauf, Glaubensgemeinschaften deponieren sie in Hotelzimmern, Kirchgänger bezeichnen sie als Heilige Schrift. Die Bibel. Nicht nur für Christen ist sie ein Buch wie kaum ein anderes. Eignet sie sich für ein ungewöhnliches Kunstprojekt? Ja, sagt die Landeskirche in Speyer. Nein, sagt die
Bezirkssynode Kaiserslautern. Beide schätzen die Bibel – aber aus diesem Respekt ziehen sie völlig unterschiedliche Schlüsse.

Im Mittelpunkt des Konflikts steht ein Projekt von Silvia Mielke. Die Künstlerin aus Jockgrim (Kreis Germersheim) entwickelte im Auftrag der Evangelischen Landeskirche die Idee, einzelne Seiten aus alten Bibeln herauszutrennen und zu falten. Die Blätter werden zu einem Band gefügt und auf mächtige Kabeltrommeln gerollt. So entstehe ein gemeinsames Band der Kirchengemeinden. „Die Kabelrollen symbolisieren Kommunikation“, sagt Pfarrerin Mechthild Werner, Initiatorin des Projekts „Vielfalten“. Da 2017 für die Gemeinden neue Luther-Bibeln angeschafft wurden, konnte man aus den alten von 1984 Kunst machen.

Kunst aus Bibeln: völlig neu ist das nicht. Das Österreichische Katholische Bibelwerk veranstaltete 2016 den Wettbewerb „transformiert statt ausrangiert“, Platz zwei ging an Rosenkränze aus alten Bibelseiten. Gewonnen hat eine fünfeinhalb Meter hohe Treppe aus 131 alten Bibeln. In der Pfalz sollte das Kunstwerk „Vielfalten“ eigentlich Anfang September feierlich in Kaiserslautern präsentiert werden – in Anlehnung an einen Festumzug vor 200 Jahren. Damals, 1818, hatten sich die getrennten reformierten und lutherischen Gemeinden der Pfalz in Kaiserslautern zu einer gemeinsamen Kirche vereinigt. Es war die Geburtsstunde der Pfälzer Kirchenunion.

Das Spannen von Bibel-Seiten auf eine Kabeltrommel ist für die Bezirkssynode Kaiserslautern überhaupt keine gute Idee. Sie lehnt die Präsentation in der Pfalz-Metropole vehement ab. „Wir halten es für keinen angemessen Umgang mit der Bibel, sie zu zerschneiden“, betont das Gremium. „Mit Seiten, die aus vielen Bibeln herausgetrennt, gefaltet und damit unlesbar gemacht wurden, wollen wir uns nicht als Kirche in der Öffentlichkeit präsentieren – und schon gar nicht bei unserem 200-jährigen Gründungsjubiläum“, unterstreicht die Synode. Den Kirchenmitgliedern sei eine solche Aktion nicht vermittelbar, sagt der Vorsitzende der Bezirkssynode, Hermann Lorenz. Ein Gemeindemitglied habe ihm gesagt, das sei, als ob man einen ausgedienten Abendmahlskelch als Klobürstenhalter verwende.

„Absurd und obszön“ sei ein solcher Vergleich, sagt Kirchenrat Wolfgang Schumacher von der Landeskirche in Speyer. „Es geht eben nicht um wertvolle sakrale Gegenstände, sondern um Gebrauchsbibeln, die in neuer Weise eine Rolle spielen. Wir bedauern sehr, dass die Gegner in Kaiserslautern eine solche Diskussion ausdrücklich nicht gewollt haben.“ Schumacher zufolge haben einzelne Gemeinden, Pfarrer und Privatpersonen die Seiten für das Kunstprojekt gespendet. „Sie
wollen ihre ausrangierten Bücher nicht in den Altpapiercontainer geben – sondern transformieren, reformieren, umformen.“

Statt in Kaiserslautern soll das Kunstprojekt nun in Ludwigshafen und Frankenthal präsentiert werden. „Dort ist das Interesse groß, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen. Mit ihrer Geschichte, ihren
Inhalten – und auch mit der Frage, was ist das „Heilige“ an der Heiligen Schrift ist“, sagt Schumacher. „Die Heilige Schrift ist mehr als das Papier, auf dem sie steht“, sagt Pfarrerin Mechthild Werner. „Sie will immer neu gelesen, gestaltet sein – ausgelegt, am laufenden Band.“ Interessierte können noch bis zum 8. August ihre Seiten einreichen. „Die Bezirkssynode hat keine Empfehlungen über den Umgang mit alten Bibeln abgegeben“, betont Hermann Lorenz in Kaiserslautern. Auf der Homepage der Landeskirche heiße es: „Wer statt des künstlerischen Umgangs oder der Entsorgung seine Exemplare weitergeben möchte, dem hilft der Pfälzische Bibelverein in Neustadt.“ Mit den Kabeltrommeln habe die Skepsis nichts zu tun: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Beschluss der Bezirkssynode anders ausgefallen wäre, wenn man die zerschnittenen Bibeln in anderer Weise aufgerollt hätte.“ (mho/dpa)