Südwesten: Der Wolf kommt

Nach vielen Jahren als „Wolferwartungsland“ ist der Südwesten seit Sichtung eines lebenden Wolfes zum
„Wolfistjetztauchbeiunsland“ geworden. Zur Freude der Naturschützer und zum Missfallen von Schäfern und anderen Nutztierhaltern.

Eine kleine Wolfsbilanz

Wann könnte sich der Wolf hier dauerhaft ansiedeln?
Jederzeit. „Ich glaube, dass wir in zehn Jahre ein oder zwei etablierte Wolfsrudel haben könnten“, sagt Johannes Enssle, Vorsitzender des Naturschutzbundes Nabu in Baden-Württemberg. „Die Verbreitung in Deutschland ist ziemlich rasant.“ Außerdem: Bundesweit gibt es geschätzt bereits rund 500 Wölfe. Da sie riesige Distanzen zurücklegen, ist ihre Ansiedelung im Südwesten nur noch eine Frage der Zeit, sagen Experten.

Dann wird es jetzt also wirklich ernst: Was tun?
Der Landesschafzuchtverband prüft in Zusammenarbeit mit Nabu und Umweltministerium in einem zweijährigen und mit rund 200 000 Euro geförderten Pilotprojekt derzeit „Herdenschutzhunde und Zäune“, erklärt die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, Annette Wohlfahrt. Getestet wird seit 2015 in acht Betrieben. Mit Ergebnissen wird nicht vor August 2017 gerechnet.

Was sind diese Herdenschutzmaßnahmen genau?
Schafherden können zum einen mithilfe sogenannter Herdenschutzhunde geschützt werden, erklärt Enssle. Ihr Einsatz ist aber problematisch. Denn sie vertragen sich nicht unbedingt mit den Hütehunden, die die Schäfer seit jeher begleiten und dafür sorgen, dass die Herde zusammenbleibt. Außerdem bereitet die sogenannte Bundestierschutzhundeverordnung Kopfzerbrechen. Sie schreibe Auflagen vor, die gut gemeint, für solche Arbeitshunde aber ungeeignet seien. Zum anderen könnten spezielle Zäune die Herden vor dem Raubtier schützen. „Wolfssichere Zäune müssen mit ordentlich Strom versetzt sein. Dann lernen die Wölfe, dass Schafe keine leichte Beute sind“, sagt Enssle. Wünschenswert dafür sind 120 Zentimeter Höhe und ein Stromfluss von etwa 4000 Volt.

Bringt das was?
Da gehen die Meinungen auseinander. Das Umweltministerium äußert sich vorsichtig: Der Einsatz dieser Hunde sei von zahlreichen Gegebenheiten abhängig, heißt es von dort. Wohlfahrt hält davon nichts. Es dauere mindestens fünf Jahre, um einen Herdenschutzhund auszubilden, sagt sie. Außerdem sei es wegen der im Südwesten sehr verbreiteten Wanderschäferei und der starken Besiedelung sehr problematisch, diese Hunde mit sich zu führen: Sie verbellen jeden, der sich einer Herde nähert. Zäune wären schon eher die Lösung; die bisherigen Tests seien ermutigend, sagen Wohlfahrt, Nabu und Ministerium. Allerdings: 80 Prozent der durch Schafe beweideten Flächen sind Steillagen – Zäune aufzubauen ist nicht leicht. Außerdem ist der Boden oft „verbuscht“ und der Strom fließt ab.

Ist die Sorge der Schäfer nicht übertrieben?
„Schauen Sie sich die Statistiken aus anderen Bundesländern, in denen es Wölfe gibt, doch an“, sagt Wohlfahrt. „Die Herden sind dort geschützt und trotzdem gibt es drastische und tragische Übergriffe.“
Das Ministerium hält Elektronetze als Grundschutz für ausreichend.

Fazit?
Der Wolf kommt, soviel ist sicher. „Wir müssen uns darauf einstellen, bleibt uns ja nichts anderes übrig“, sagt Wohlfahrt. Außerdem, sagt der Wolfsbeauftragte des Nabu, Michael Glock: „Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz.“ (dpa/wg)