Wissenschaftler: Anzahl der „Beschäftigten auf Abruf sehr hoch“

Der Chef ruft an, und die Mitarbeiter müssen kurzfristig einspringen: Für etwa sieben Prozent der Beschäftigten in Deutschland ist das Alltag. Und das tut ihnen nicht gut, warnt ein Experte.

Ludwigshafen (dpa/lrs) – Arbeitswissenschaftler sind überrascht, wie viele Menschen in Deutschland «auf Abruf» arbeiten. Betroffen seien sieben Prozent der Beschäftigten, sagte Frank Brenscheidt von der anlässlich einer Fachtagung der rheinland-pfälzischen Landesregierung zum Thema Flexibilisierung der Arbeit am Mittwoch in Ludwigshafen. «Das ist schon ein sehr hoher Anteil», ergänzte er. «Ich hätte mir da kein Prozent gewünscht.» Auch die Anzahl der Überstunden sei «relativ hoch».

Etwa ein Viertel der auf Abruf Beschäftigten erfahre von dem Einsatz sogar erst am selben Tag; ein weiteres Viertel werde am Tag davor informiert. «Das, finde ich, ist ein ganz hohes Prekariat», sagte Brenscheidt, der am Arbeitszeitreport Deutschland 2016 mitgeschrieben hat. «Dann kann man ja im Prinzip sein Leben nicht mehr planen.» Außerdem sehe das Teilzeitbefristungsgesetz für solche Einsätze eine Ankündigungsfrist von vier Tagen vor. Ein Arbeitgeber, der dagegen verstoße, begehe eine Ordnungswidrigkeit.

«Arbeit auf Abruf» gibt es nach Brenscheidts Angaben zum Beispiel in der Logistik, wenn bestimmte Artikel wegen eines Auftrags zusammengestellt und Lkw beladen werden müssten – «wo die Letzten so lange bleiben, bis der letzte Lkw nach Süden unterwegs ist», schilderte er. Dann finde keine Planung mehr statt, und das unternehmerische Risiko werde auf die Mitarbeiter verlagert.

Betroffen seien auch Beschäftigte in Bereichen ohne eine Vertreterregelung. Im Dienstleistungsbereich könne das zum Beispiel Pflegekräfte treffen, die einspringen müssten, weil ein Kollege plötzlich krank geworden sei. Weil die Beschäftigten sich verantwortlich fühlten, sprängen sie ein – obwohl sie dann ihre eigene Freizeit nicht mehr planen könnten.

Ob die Zahl der Arbeitnehmer auf Abruf zunehme, könne man nicht sagen, erklärte der Experte. «Da fehlen Vergleichszahlen.» Die letzte größere Befragung habe es 2003 gegeben. Seitdem hätten sich Befragungsmethode und -instrumente geändert. Der Arbeitszeitreport Deutschland 2016 war im vergangenen Oktober vorgestellt worden.

Als Maßnahmen gegen das kurzfristige Anfordern von Beschäftigten nannte Brenscheidt eine «gesunde Personaldecke» und eine bessere Planung. «Viele Sachen sind arbeitsorganisatorisch eigentlich gut zu lösen.» Und wenn die Personaldecke zu klein sei, könne auch das bestorganisierte System gesundheitliche Beeinträchtigungen verursachen. Bei Arbeit auf Abruf könnten auch vernünftige Vorlaufzeiten für eine bessere Situation sorgen.

«Die Anzahl der Überstunden fand ich auch schon ziemlich überraschend», sagte Brenscheidt. Diese würden zwar teilweise mit Freizeit ausgeglichen, müssten zunächst aber erst einmal geleistet werden. Dabei komme mitunter eine relativ hohe Wochenarbeitszeit zusammen. Er erinnerte daran, dass es aus Sicht der Arbeitswissenschaft wichtig sei, dass bei einer hohen Belastung die Entlastung bald erfolge. (Bild: BAUA, Wikipedia)