Worms: 200 Jahre Rheinhessen – Vom Flucht- zum Zukunftsland

Mit einem feierlichen Gottesdienst im Wormser Dom setzen die Kirchen einen ersten Höhepunkt im Jubiläumsjahr. Kirchenpräsident Rahn und Kardinal Lehmann zeigen mit Blick auf die Flüchtlinge auf, wie aktuell Geschichte sein kann.

Worms (dpa/lrs) – Die beiden Kirchenoberhäupter für Rheinhessen haben die Region zwischen Mainz, Worms und Alzey als beispielhaft für die Begegnung mit Fremden bezeichnet. Angesichts der Aufnahme vieler Flüchtlinge sei dies gerade heute von Bedeutung, sagte der evangelische Geistliche Volker Jung am Sonntag in einem ökumenischen Gottesdienst zur 200-Jahr-Feier von Rheinhessen im Wormser Dom. Gefragt seien glaubensstarke Menschen, «die einander und Fremden nicht mit Vorurteilen und Angst begegnen».

Der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) erinnerte an die umfangreiche Auswanderung aus Rheinhessen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – vor allem einfache Leute flohen damals vor wirtschaftlicher Not in die USA. «Heute ist Rheinhessen nicht Fluchtland, sondern Zufluchtsland», sagte Rahn.

In der Einführung des Gottesdiensts sprach der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, von der Liberalität und Offenheit der Rheinhessen. Da die Region schon immer Durchgangsregion gewesen sei, hätten die Menschen gelernt, sich im Rahmen wechselnder Möglichkeiten immer wieder neu anzupassen. Vielleicht sei so die Grundhaltung «leben und leben lassen» entstanden.

Der Kardinal hatte die Flüchtlingskrise auch in den Mittelpunkt seines Neujahrsempfangs am Samstag gestellt. Dabei wandte er sich in Mainz gegen «Sturheit und Fundamentalismus» und rief dazu auf, sich neu auf christliche Werte einzulassen. «Wir leben vermutlich an einer Epochenschwelle», sagte Kardinal Lehmann. Er rief zur Solidarität und Verständnis für Flüchtlinge auf, die die Not in ihren Heimatländern nicht mehr aushielten und sich auf den Weg nach Europa machten.

Die Kirchen beteiligen sich mit Konzerten, Lesungen, Vorträgen und Lichtinstallationen am rheinhessischen Jubiläumsjahr. Neben dem katholischen Zentrum mit dem Bistum Mainz hat Rheinhessen auch eine protestantische Tradition, angefangen mit Luthers Verteidigungsrede auf dem Reichstag von Worms im Jahr 1521. Mehrere Orte in Rheinhessen haben aufgrund ihrer früheren Zugehörigkeit zur Kurpfalz auch eine reformierte Vergangenheit in der calvinistischen Glaubenstradition. Reformierte und Lutheraner schlossen sich 1822 zu einer unierten, evangelischen Kirche zusammen.

Damals bestand Rheinhessen gerade sechs Jahre: Am 8. Juli 1816 unterzeichnete Großherzog Ludewig von Hessen-Darmstadt im Erthaler Hof in Mainz die Urkunde für die neue linksrheinische Provinz.